Kategorie: Philosophisches

Brief No. 25 – Zufall Mensch reloaded

Liebe Anne,

danke für Deinen Brief. Und Herr D. aus D., Dank Ihnen für Ihre Gedanken!

Erst einmal zu Dir, Anne: Bei der Lektüre Deiner Zeilen hüpfte die Abenteurerin in mir wütend auf und ab (so richtig rumpelstilzchenesk mit hochrotem Gesicht und geballten Fäusten), als sie sich vorstellte, dass eine algorithmendurchdrungene Zukunft uns jedes Zufalls berauben könnte, bis hin zur Getränkeauswahl. „NÖ!“, brüllte sie empört, „mit mir ja schon mal gar nicht, soweit kommt’s noch!“ Es folgten unflätige Ausdrücke, die ich hier zur Qualitätssicherung des Briefes zensieren muss. Danach, als sie sich ein bisschen abgeregt hatte, gedachten wir bei einem beruhigenden Fencheltee all der Zufälle, die bisher in unser Leben gespült worden waren.

So ein Zufall bist Du, Anne. Ich hätte damals ebensogut ein anderes Hauptseminar wählen oder mich ganz nach vorne im Seminarraum setzen können. Dann hätten wir nicht Seite an Seite gesessen, ich hätte Dich nicht angelächelt, und Dich, als Du zurücklächeltest, nicht angesprochen. In der Woche darauf hätte ich Dir vor Seminarbeginn nicht mein Thesenpapier gezeigt, und das alles zusammen hätte nicht zu einem mehrstündigen Kaffeedate am Markt geführt, wo wir herausfanden, dass wir so viel mehr als einen Namen teilen. Was hätte ich verpasst, wenn mir nicht irgendetwas im Vorlesungsverzeichnis geflüstert hätte, dass ich dringend etwas über das Pidgin Haitis lernen müsse, um im Leben gescheit voranzukommen?

Herr D., ein weiteres Beispiel einer chance encounter. (Ist das nicht ein toller Terminus? ‘Zufallsbekanntschaft’ sagen wir, aber das Englische schließt die Möglichkeiten – und im weiteren Sinne auch das das potentielle Glück – der Begegnung ganz offen im Begriff mit ein. Das gefällt mir.)

Ich lege an dieser Stelle für unsere Leser offen, dass ich Herrn D. persönlich kenne. Der Kontakt zu Herrn D. entstand durch Kontakt zu seiner wunderbaren Frau A., der sich wiederum durch Kontakt zum jungen Fräulein C. entwickelte, das sich unseres Kindes annahm, als es in der neuen Kita mit seinem Schnuffeltuch unsicher in einer Ecke stand. Hätte Fräulein C. stattdessen beschlossen, das Kind einfach links liegen zu lassen, wäre ich jüngst der Chance beraubt worden, ein verregnetes Wochenende in einem alten Kloster mit überbordendem Fressalientisch und improvisierten Gemäldeanalysen im Refektorium („Othello?“ – „Nee. Historisch.“ – „Oder was ganz anderes.“ – „Das da ist ein grübelnder Kardinal.“ – „Warum hat sie ihre Hand an seinem Po?“ – „Ich google das mal.“ – „Kein Netz.“ – „Eifel halt.“) zu verbringen, und ich möchte sie nicht missen.

In extenso führt das zu der irgendwie irren, aber schönen Konsequenz, dass das Dir bisher unbekannte Fräulein C. verantwortlich dafür ist, wo Du demnächst Silvester feierst, Anne. Und ja, natürlich können wir aufhören, Herrn D. zu siezen, und ihn einfach Dennis nennen.

„ABER!“ mischt sich die Sicherheitsbeauftragte in mir da unerwartet ein. „So ein Algorithmus könnte all die Leute, auf deren Kontakt man sehr gut verzichten kann, einfach im Voraus aus der Biografie herausrechnen und allein die sympathischen, kompatiblen Charaktere mit Mehrwert berücksichtigen. Was man sich da nicht alles für Ärger ersparen könnte! Beispiel? Gestern!“

Ich weiß genau, was sie meint, leider. Eine Dame an einem Serviceschalter hatte mich mit einer selten dagewesenen Hochnäsigkeit derart von oben herab behandelt, dass ich kurz davor war, wie im Film zu fragen: „Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?“ (Zum Glück nahm ich davon Abstand. Das ist eine sehr dämliche Frage. Wer ist schon so erleuchtet, dass er wirklich weiß und im Zweifelsfall erklären kann, wer er ist?) Stattdessen blieb ich so freundlich, wie es mir möglich war, und ärgere mich nun im Nachhinein darüber. Ich hätte einfach den Chef verlangen sollen. Auf jeden Fall hätte ich gern auf die Begegnung verzichtet. Und da wäre es doch praktisch gewesen, wenn mir eine App im Vorherein bedeutet hätte, mich in die Schlange daneben zu stellen, um von dem jungen Typ mit dem grünen Ziegenbärtchen bedient zu werden. Der schien ganz vernünftig zu seinen Kunden zu sein.

„Siehste!“, sagt die Sicherheitsbeauftragte, lehnt sich zurück und legt weitere Beispiele nach. Den Exfreund. Den einen Professor aus dem Grundstudium. Die Busfahrerin neulich. Die Lästerschwester drei Häuser weiter. Sie hat einige Exempel parat, meine Sicherheitsbeauftragte, und resümiert schließlich: „Denen wärste dann nicht über den Weg gelaufen! Und in Zukunft würdest Du automatisch ferngehalten von allen Napfsülzen. Wäre das nicht praktisch?“

Ja. Wäre es das nicht? Chance schließt eben auch immer die Möglichkeit mit ein, dass man es mit potentiellen Deppen zu tun haben könnte, und prophylaktische Deppenvermeidung klingt erst einmal nach einem sehr sinnvollen Geschäftsmodell.

Aber welche Geschichten erzählen wir uns, wenn Algorithmen bestimmen, wem wir begegnen?

Hieß es bisher:

„Ich hätte nie diesen Blog gestartet, wenn ich mich damals nicht für das Seminar entschieden hätte.“

„Wenn die Kinder sich nicht befreundet hätten, wären wir nie im Kloster gelandet.“

… hieße es dann:

„Anne wurde als für mich freundschaftskompatibel berechnet.“

„Die App hat Dennis und seine Familie für uns in der Kita ausfindig gemacht.“

Hat das noch Zauber?

Hat das noch diesen kleinen magischen Augenblick des Wenn-ich-nicht-dann-hätt’-ich-nie der besonderen Begegnung, von dem wir in Momenten erzählen, in denen wir glauben, dass es das Leben gut mit uns meinte, indem es uns einen besonderen Menschen – oder gleich eine ganze Sippe – zutrug?

Oder anders (und mir ist bewusst, Dennis, dass ich den ursprünglichen Kontext zerfleddere, aber das Bild ist zu passend, um es nicht für meine Zwecke einzusetzen): Ist es nicht so, dass erst wenn der „Kontrollblick und der Ruf der planenden Vernunft weniger als eine Sekunde vorausgreifen“, die Formen von Begegnung möglich werden, an die wir uns erinnern und von denen wir später erzählen?

Nachdenklich bin ich

Deine / Eure Anne

Leserbrief No. 2

Von: <dxxxxxxxxxxxx@gmail.com>
Gesendet: Samstag, 7. November 2019 23:12
Betreff: Liebe Anne “Brief No. 2”

Liebe Schreibende,

bei mir läuft Musik. Zu laut für eine Unterhaltung. Gerade so laut, dass die Eindringtiefe in das Hirn über das Ohr als angenehme 5 Zentimeter empfunden wird. Das Stammhirn spürt schon Vibrationen, aber keine Melodie. Der ganze Rest drumherum ist also beeinflusst, sozusagen übertönt. Zumindest ist kein Steuermann mehr im Gedankenstrom, der sich so recht durchsetzen kann. Der Kontrollblick und der Ruf der planenden Vernunft greifen nur weniger als eine Sekunde voraus und kaum mehr als ein wenig mehr zurück. Das Fenster wird eng. Nicht schlimm. Dazu ein Computer.

Schrecklich, mir jetzt meine Handschrift vorzustellen. Schrecklich, sich Widerstand zu wünschen (also sich sehen und sich spüren während dieses Schreibens). Das wäre, wie sich selbst in einer peinlich-intimen Situation hinter einem Vorgang verborgen zu beobachten. Ist man erzogen, will man lieber nicht da sein. Dabei ist die Situation natürlich weder dramatisch, noch ausschlaggebend. Die Sache selbst begründet nicht das Schamgefühl. Es hat keinen Anlass in einer irgendwie gearteten entstehenden Heiligkeit des schaffenden Moments. Da ist wenig Erhabenheit. (Die ja auch gar nicht gefordert oder auch nur behauptet wurde von den Briefeschreibenden).

Für mich eher die konsequente Kohärenz der Kleinbedeutendheit des Moments mit der Unwichtigkeit des Schreibers. Das ist nun nicht gut ausgedrückt, weil es – wiederum bei erzogenen Menschen – den Impuls zur Gegenrede oder zum schamhaften Zurücktreten auslösen müsste. Dabei ist es der Moment selbst, der angenehm ist. Der Rest ist Bühne. Ich bin das Vorher und Hinterher, die physische Funktion. Von mir ist wenig in den Lauf der Welt einzubringen. Relevanter ist, dass dieser Moment selbst ist – der einzige Unterschied zwischen Sein und dem Anderen. Insofern will ich mich nicht selbst berühren beim Schreiben von Worten. Keine Handschrift, kein Widerstand, keine Sehen auf die eigenen Finger. Schon tragisch für mich, dass ich in mich reinhorchen muss, um Worte zu finden. Dietrich Bonhoeffer (der sich nicht gegen wenig umsichtiges Zitieren von Bruchstücken wehren kann) schrieb den feinen Satz „Wer lernen will zu dienen, muss zuerst lernen, gering von sich selbst zu denken“ (Quellenangabe bei Bedarf gern). Und das schreibt er aus dem Interesse, das menschliche Antlitz aufzurichten. Dazu der schöne, wenn auch dunkle Satz eines anderen Theologen (Fulbert Steffensky): „Unsere Bedürftigkeit ist unsere Würde“. Soviel nur zu meiner Handschrift, weil die letzten beiden Briefe auch anregten, sich als Leser zu ihnen nicht nur inhaltlich, sondern auch zu ihnen als kommunikativem Ereignis und Vorgang in Beziehung zu setzen.

Die Musik hat übrigens geendet. Das Buch mit den Briefen Bonhoeffers liegt noch da. Der Bildschirm hält das Fenster zu dem Blog noch geöffnet. Eigentlich auch ganz gut, dass jetzt keiner mit mir spricht. Dann haben die entstehenden und entstandenen, die eigenen und fremden Worte eine Chance. Ich muss mal googlen, wie nah sich die Worte „kommunizieren“ und „Kommunion“ bringen lassen. Mach ich jetzt nicht, kann mich auch so freuen, dass „kommunizieren“ vielleicht auch als „sich ereignende Gemeinschaft“ verstanden werden kann, ohne dass dazu (direkter) Austausch notwendiges Kriterium sein muss. So wie „Teilen“ das „gemeinsame Nehmen aus dem Selben“ sein kann, ohne dass die Teilenden notwendig etwas direkt untereinander austauschen müssen. Ich habe mich (und das passt dann doch nicht ganz präzise) zu einem kommunizierenden Teilnehmer gemacht, indem ich etwas aus Euren Briefen, liebe Schreiberinnen, nehme und nicht etwas handschriftlich dazu tue. Insofern ist der Moment des Tastentippens eine durch Euren Blog ins Leben gerufene Teilnahme. Communio ex nihilo. Danke.

Aber weil das eigentlich Schöne an Euren Briefen ist, dass Neues entsteht und dazukommt, werde ich diesen Brief geschrieben haben und hinter dem Vorhang aushalten.

Brief No. 18 – Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen

Liebe Anne,

in der Tat, das haben sie gut gemacht, die Werber. Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen. Für alles andere…

Doch auch die “Dinge”, die man nicht kaufen kann, haben ihren Preis. Sogar die Freiheit selbst. Der Preis der materiellen oder äußeren Freiheit ist nicht selten die immaterielle oder innere Unfreiheit. Mit eigenem Reihenhäuschen samt Carport und Markise bin ich frei von monatlichen Mietzahlungen. Doch die innere Hürde, mehrere Monate im Camper die Welt zu entdecken, steigt.

Ist der Preis der inneren Freiheit dann die materielle Unfreiheit? Diese Sicht scheint mir in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Als ich mich selbständig gemacht habe, bin ich häufig dieser Sichtweise begegnet. Einen gut bezahlten Job zu kündigen, um eine Selbständigkeit mit ungewissen Erfolgsaussichten aufzubauen, ist in den Augen vieler unvernüftig.

Doch wer fängt die Taube, wenn wir alle Spatzen jagen? Die innere Freiheit von vermeintlichen materiellen Zwängen kann die Chance auf die Steigerung der materiellen Freiheit erhöhen. Der Preis dieser Chance ist das Risiko, alles zu verlieren.

Leichter ist es, solche Risiken aus einer Situation materieller Sicherheit heraus einzugehen. Und so ist es, wie Du schreibst: Freiheit und Sicherheit bedingen sich gegenseitig.

Liebe Anne, ich könnte noch Stunden über dieses Spannungsverhältnis philosophieren. Der Entwurf für diesen Brief liegt schon seit Monaten herum. Ich dachte, da fehlt noch was, da kommt noch was, das ist es noch nicht. Und wenn schon? Das Risiko gehe ich ein!

Alles Liebe,
Deine Anne

Brief No. 17 – Die Freiheit nehm’ ich mir.

Liebe Anne,

das haben die Werber wirklich sehr gut gemacht. Man hört den Slogan, siehe oben, und sieht die Visakarte sofort keck unter dem Badeanzug hervorblitzen.

Du schreibst in Deinem letzten Brief von der Freiheit als Deinem höchsten Gut, und ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass Du ähnlich elegant dem Wasser entsteigen würdest wie diese Dame.

Gleichzeitig ist mir sehr bewusst, dass der Clip nur einen äußerst kleinen Teil von dem berührt, was uns Freiheit  bedeutet. Ich schreibe bewusst ‘uns’, weil wir beide den Wert, den wir der Freiheit beimessen, teilen. Sie ist mir genauso wichtig wie Dir.

Materiell frei zu sein, wie die Werbung es suggeriert – ich glaube, darunter verstehen wir das gleiche. Materielle Freiheit meint unserem Verständnis nach nicht den MacLaren vor der Rotunde eine Schlösschens mit Elbblick, auch wenn das natürlich sehr nett ist. Unsere Wünsche sind bodenständig.

Was immaterielle Freiheit angeht, sind wir kompromissloser. Wie dankbar können wir den Frauen der Generationen vor uns sein, dass wir uns aus antiquierten Rollenbildern haben lösen können und in unserer Gesellschaft frei sind, zu bestimmen, wie wir leben möchten. Das heißt nicht, dass alle Menschen die gleichen Chancen haben, leider, weder Männer noch Frauen. Aber unser Radius hat sich durch die Freiheit zur Selbstbestimmung insgesamt erheblich erweitert.

Fühlen wir uns damit existentialistisch zur Freiheit verurteilt oder folgen wir ihrem verlockenden Ruf nur allzu gern? Können wir diese Frage überhaupt pauschal beantworten? Hängt es nicht immer von der jeweiligen Situation und Entscheidung ab, ob wir ihr mit leichtem Herzen entgegentreten oder sie als Pflicht empfinden?

Wie frei wollen wir sein? Selbstgesetzte Grenzen geben ja auch Sicherheit. Theroretisch könnte ich mein Hab und Gut verkaufen und mit einem Camper bis nach Indien fahren, oder ich könnte eine Hypothek aufnehmen und mir ein Reihenhäuschen mit Carport, Markise und einem Buchsbaum im Vorgarten zulegen. Dann entgeht mir vielleicht der Sonnenaufgang am Taj Mahal, aber ich fahre mich auch nicht nachts in irgendeinem Grenzgebiet in der Wüste fest. Camper oder Reihenhaus – beides habe ich für dieses Jahr nicht auf dem Plan. Aber: Ich hätte die Freiheit, mich dafür zu entscheiden.

Ich weiß, dass Du Dich in nächster Zeit in einem Bereich Deines Lebens binden wirst, während Du in einem anderen Bereich den Entschluss, frei zu bleiben, noch einmal bekräftigst. Als wir gestern gemeinsam in der Sonne saßen, sprachen wir über beides, ganz unmittelbar. Wir können die Freiheit lieben und die Bindung suchen. Wir können uns Grenzen stecken und trotzdem Freigeister bleiben. Das geht sehr gut zusammen. Vielleicht bedingt es sich auch gegenseitig. Wir brauchen Wurzeln, um losfliegen zu können, und wir brauchen die Vogelperspektive, um unseren Platz zu finden.

Ich hoffe, Ihr seid wieder gut zu Hause angekommen.

Der Tag gestern war wunderbar.

Alles Liebe

Deine Anne

Brief No. 16 – Loslassen

Liebe Anne,

nachdem ich die letzten Wochen nicht dazu gekommen bin, Dir zu antworten, fällt es mir nun schwer, den Faden wieder aufzunehmen. Unsere ersten 15 Briefe waren wie ein Rausch. Deine Briefe lösten immer gleich etwas aus in mir, einen Gedanken, ein Gefühl, eine Idee. Gedanken, die raus wollten, die verbalisiert werden wollten. Schnellstmöglich habe ich Dir geantwortet und war ab da immer gespannt, wann und wie Du wiederum auf meinen Brief reagierst.

Dieser Flow ist nun unterbrochen. Ein bisschen aufgewärmt fühlt es sich an, wenn ich Deinen letzten Brief erneut lese und versuche, kluge Antworten auf Deine klugen Fragen zu finden. Ein bisschen so, wie wenn man versucht, die einzigartige Stimmung einer einmaligen Feier zu reproduzieren, indem man dieselben Leute zur selben Zeit im Jahr an denselben Ort einlädt. Doch die Stimmung von damals lässt sich nicht reproduzieren. Sie ist und bleibt einmalig.

Also habe ich beschlossen, gar nicht erst zu versuchen, den Flow aus unseren ersten Briefen wieder aufleben zu lassen. Weil er nur dann eine Chance hat, wieder oder neu zu entstehen. Erst wenn wir uns vom Idealbild lösen, hat das Abbild eine Chance, gut zu werden. Weil es dann kein Abbild mehr ist. Weil es dann etwas eigenes ist.

Wenn wir (Frauen) uns in (vermeintlichen) Gegensätzen beschreiben, wie Du es in Deinem letzten Brief beobachtet hast, dann scheint mir da viel Orientierung an Idealbildern zu herrschen. Wir wollen die ideale Mutter UND die ideale Karrierefrau sein. Wir wollen Luxus UND erhebende Entbehrung. Und halten das dann für individuell oder gar unkonventionell. Dabei ist es nur ein Potpourri konventioneller Idealbilder. Mächtiger Idealbilder, die uns gefangen halten in bestehenden Rollen und Klischees. Viele von uns beherrschen mehrere dieser Rollen und den permanenten Wechsel zwischen ihnen in Perfektion. Aber ist das wirklich ein Fortschritt?

Wenn ich ein Wort wählen müsste, wäre es wahrscheinlich Freiheit.

Wenn andere ein Wort für mich wählen müssen, sagen sie gelegentlich “unkonventionell”. Das gefällt mir. Und doch überrascht es mit mich jedes Mal, wenn es passiert. Dann frage ich mich, was an mir denn so unkonventionell ist.

Ich trage ziemlich gewöhnliche Kleidung, habe seit Jahren dieselbe unauffällige Frisur und lebe in einer äußerst konventionellen Wohnung mit geradezu erschreckend vielen rechten Winkeln. Ich schaue bis heute lineares Fernsehen – deshalb ärgere ich mich Sonntags immer noch, wenn Polizeiruf statt Tatort kommt, während andere sich längst vom Diktat der öffentlichen und privaten Fernsehanstalten befreit haben und stattdessen zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit das schauen, was sie gemäß Algorithmus von Netflix und Co. wirklich schauen wollen. Aber wenn ich in einem Seminar am Spiel “Wir lernen uns kennen, indem wir Hypothesen übereinander aufstellen” teilnehme – dann sagen die Leute, ich sei vermutlich “unkonventionell”.

Ich nehme das als Kompliment. Und verstehe es so, dass man mir zutraut, Bestehendes zu hinterfragen. Konventionelle Idealbilder loszulassen. Frei zu sein. Das macht mich glücklich. Auch wenn ich weiß, dass ich in den allermeisten meiner alltäglichen Enscheidungen äußerst konventionell handle.

Liebe Anne, dieser Brief ist jetzt überraschend persönlich geworden. Das passiert schonmal, wenn dann plötzlich der Flow da ist. Ich freue mich auf Deine Antwort.

Deine Anne