Kategorie: Technik

Brief No. 24 – Zufall Mensch

Liebe Anne,

Kakao trinkt er also, der Herr Präsident. Jetzt wissen wir’s. Das finde ich durchaus erstaunlich, habe ich doch neulich erst erlebt, wie ein deutscher Gast in einem amerikanischen Lokal “cold cocoa” zu bestellen versuchte. Er bekam: Ein Glas Coke. Mit Eis.

Wie gern würde ich nun erzählen, dass die Kellnerin die Bestellung in ein digitales Gerät eingetippt hatte, das “cocoa” nicht als Auswahlmöglichkeit anbot. Für einen kurzen Moment war ich versucht, mir diese künstlerische Freiheit zu nehmen und auf diese Weise einen anekdotischen Beweis für Deine These vom spitzen Stift und den gespitzten Ohren zu liefern. Aber so war es einfach nicht. Die Kellnerin hatte ganz klassisch mit Zettel und Stift notiert, was sie gehört zu haben glaubte.

Szenisch:

Im Restaurant irgendwo im Mittleren Westen Amerikas.

Auftritt Kellnerin mit Haaren wie Cindy Lauper.

Kellnerin (zückt Block und Stift, while chewing gum): What would you like to drink?

Deutscher Gast: Äh… cold co-coa, please!

Kellnerin: Is Pepsi okay?

Deutscher Gast: No… äh… cocoa…

Kellnerin: So no Pepsi?

Deutscher Gast: No, I mean cocoa! Like… (wendet sich hilfesuchend seiner neben ihm sitzenden Freundin zu.)

Freundin: Pepsi is fine, thanks!

 

MÖÖÖP! Was ist da passiert? Waren die Ohren der Kellnerin etwa mit Kaugummi verklebt?

Und die der Freundin?

Vermutlich wollte letztere einfach schnell die für alle Beteiligten somehow awkward situation beenden. Es war schließlich schon spät, die Küche des Lokals schloss bald und die fünfköpfige Reisegruppe brauchte dringend etwas zu essen. Da musste der ausgefallene Getränkewunsch des Freundes dem Gemeinwohl untergeordnet werden.

Ob Kaugummi oder unangenehme Situation, die Damen hatten ihre Ohren nicht richtig gespitzt. Wäre das mit spitzem Stift anders gewesen?

Möglich.

Auch ich schreibe gerne mit der Hand. In Vorträgen und Gesprächen hilft mir handschriftliches Mitschreiben beim Zuhören. Seit Kurzem schreibe ich allerdings nicht mehr auf Papier, sondern mit tintenlosem Stift auf einer spiegelglatten Scheibe. Handschrift goes digital. Obwohl… ist das wirklich digital?

Das Schreiben mit der Hand – ob auf Papier oder auf Scheiben – ist etwas völlig anderes als das Tippen auf einer Schreibmaschine oder einem Touchscreen. Ich übertrage das Gehörte in Bewegungen, zeichne geschwungene Linien, beobachte ihre Entstehung und verleihe ihnen die Bedeutung des geschriebenen Worts. Bin eingebunden in Raum und Zeit, als Einheit von Körper und Geist. Wie ein Tanz.

Beim Tippen drücke ich auf einen Knopf und ein ganzer Buchstabe erscheint. Sofort. Es ist eine mechanische Tätigkeit. Ich passe mich der Maschine an, nicht die Maschine sich mir. Genau wie Herr D. es in seinem Leserbrief beschreibt.

Mein elektrifizierter Schreibblock ist da anders. Das einzige, was mir beim Schreiben fehlt, ist der Widerstand des Papiers. Das leichte Kratzen von Feder oder Mine auf der Oberfläche. Das rhythmische Geräusch, die Musik zu meinem Tanz. Sie ist eine andere. Leise macht es “klack, klack, klack”, wenn ich den Stift aufsetze. Die Ballerina wird zur Stepptänzerin.

Während ich schreibe, leuchten die Meldungen sozialer Medien-Apps auf: “Peter K. hat dich in einem Kommentar erwähnt.” – “Katja B. hat seit längerer Zeit etwas getwittert.” – “Amir C. hat einen neuen Job.”

Ich werde über andere informiert. Mit-einander reden, das geschieht in der Tat sehr selten in den sogenannten sozialen Medien.

Und noch etwas fehlt: Das Unerwartete. Das Zufällige. Das, was nur passiert, wenn echte Menschen aufeinander treffen. So wie die Drei aus unserer Restauranszene. Der Algorithmus hätte unserem deutschen Gast den Kakao schon gebracht, bevor er selbst gewusst hätte, dass er ihn will. Jetzt muss er Pepsi trinken. So ist das manchmal auf Reisen. Oder beim Steinesuchen im Wald, wie Herr D. so schön schreibt: Es macht “Lust auf die nächste Zukunft.”

Kommt uns diese Lust abhanden in einer vorausberechneten Welt? Oder entsteht vielmehr eine Sehnsucht nach Überraschendem?

Ich jedenfalls freue mich auf Deinen nächsten Brief, liebe Anne, und bin gespannt, womit Du mich diesmal überraschst!

Alles Liebe
Anne

Brief No. 11 – Über Sinn und Unsinn des digitalen Fortschritts

Liebe Anne, Du hast einen Staubsaugroboter! Wusste ich das? Warum haben wir uns darüber am Mittwoch nicht eingehend unterhalten? Ein Staubsaugroboter! Ein Traum! Ich bitte dringend um einen Erfahrungsbericht.

Das vorweg. Nun zu Deiner Twitter-Community, die mir mit Gegenwind entgegentreten will. Aber bitte, meine Damen, meine Herren, pusten Sie los! Gerne trete ich mit Ihnen in die Diskussion. Sie werden sehen, dass ich mich mit guten Argumenten gern überzeugen lasse. Wir können auch gern über Sophia reden. Magst Du Sophia, Anne?

Den technischen Fortschritt möchte ich nicht zurückdrehen. Ich mag mein Auto, meinen Laptop und all den Komfort, den ein paar PS und ein gutes Textverarbeitungsprogramm mit sich bringen. Ich mag sogar Klimaanlagen, seit es mich für ein halbes Jahr in einen subtropischen Breitengrad verschlug. Für mich gibt es aber eine Grenze zwischen datenintensivem digitalem Fortschritt und technischen Neuerungen, die ohne Apps und Datenkabel auskommen. Toll, wenn mein Kühlschrank ein Null-Grad-Fach hat. Nicht toll, wenn er meinen Spreewaldgürkchenverbrauch überwachen will!

Irgendwann wird alles Technische digital sein, darauf rennt die Entwicklung zielstrebig zu. Selbst meine Waschmaschine wird ja schon digital ausgelesen. Ist das wirklich erstrebenswert? „Ach, wumpe, wen interessiert das schon, wie oft ich meine Weißwäsche schleudere?“ Na, irgendwen scheint es ja zu interessieren, sonst würden die Informationen nicht gesammelt werden. Aber im Zweifelsfall bremst das Argument „maßgeschneiderter Kundenservice“ schnell alle Kritik aus. Hey, man macht das nur für uns!

Ich stimme der Forderung nach einem reflektierten Umgang und dem gründlichen Hinterfragen des Mehrwerts und des Preises (und zwar nicht des monetären) digitaler Anwendungen, wie Ranga Yogeshwar sie formuliert, absolut zu. Wenn wir die Prozesse eines Tools nicht mehr überblicken können – und dabei meine ich nicht seine Programmierung, sondern die Länge und Reichweite seiner Arme im Hintergrund – sollten wir in die Grübelhaltung verfallen.

Ich in der Grübelhaltung.

Eine amerikanische Firma hat einen Stimmumwandler entwickelt. Mit dessen Hilfe kann man zum Beispiel mit der Stimme Prominenter sprechen. Das gab ein großes Hallo im Radio. Toll, war der Tenor! Toll wozu? Man sage mir bitte einen Nutzen, der außerhalb des Kriminellen liegt, für den dieses Programm sinnvoll sein könnte. Mir fällt keiner ein. Höchstens Entertainment, ein lustiger Partygag, haha, ich höre mich an wie Trump! Das ist ja genau das, was uns heute fehlt. Digitaler Fortschrott.

Als Co-Founderin dieses Blogs und im Kulturbereich tätig, hoffe ich natürlich, bei uns und unseren Lesern Gedanken und Ideen zu mobilisieren, die das Thema neugierig und kritisch hinterfragen. Insofern hoffe ich auch, dass – wie Du schreibst – Kultur und Literatur einen Anstoß geben können. Ob das Erfolg hat? Man kann’s ja nur versuchen!

Und als Kulturtipp? Game of Thrones. Erbärmliche Feuerchen im Ofen im klirrenden Winter und endloses Herumgetrage von Nachrichtenrollen mit Wachssiegel. Danach freut man sich richtig über Zentralheizung und E-Mail.

Alles Liebe

Deine Anne

Brief No. 10 – Digitalisierung: Eine Reading-List

Liebe Anne,

kennst Du Idiocracy? Das ist ein etwas überdrehter Film über eine vollkommen verblödete Gesellschaft im Jahre 2505. Wenn ich Deine Verdummungstipps so lese, brauchen wir vielleicht gar nicht so lange, bis wir diesen Zustand erreichen. Vieles davon setzt ein Großteil unserer Gesellschaft bereits sehr beflissen um. Ich auch. Zum Teil.

Wenn ich mir vorstelle, dass ich Deinen Brief in meiner Twitter-Community teile, spüre ich Gegenwind. Digitalisierung wird unter Menschen, die Wandel in Unternehmen und Wirtschaft vorantreiben, überwiegend positiv gesehen. Und wenn nicht positiv, dann als unausweichlich. Diese Sicht vertrete ich auch. Der technische Fortschritt wird sich nicht zurückdrehen lassen. Und das hielte ich auch für wenig erstrebenswert. Ich schätze es, dass ich mit meiner Buchhaltungssoftware meine Kontobewegungen den passenden Belegen zuordnen und die erforderlichen Daten direkt ans Finanzamt übermitteln kann. Mir gefällt es, dass ich dank Staubsaugerroboter sehr viel seltener als früher gründlich durchsaugen muss. Und über Twitter habe ich in den letzten Jahren viele bereichernde Kontakte geknüpft und Inhalte entdeckt.

Doch Dein letzter Brief hat mir einmal mehr die Kehrseite dieser Möglichkeiten vor Augen geführt. Nicht alles, was sich Digitalisierung nennt, ist auch ein echter Fortschritt im Sinne des Menschen. Was wir brauchen, ist “reflektierter Fortschritt”, wie Ranga Yogeshwar es in Nächste Ausfahrt Zukunft schreibt. Weder naiver Fortschrittsglaube noch aktionistische staatliche Reglementierung werden uns vor einer Dystopie wie sie in The Circle beschrieben wird, bewahren. Ich habe z.B. große Zweifel daran, dass die Europäische Cookie-Richtlinie wirklich zum Schutz von Nutzerdaten oder zu einem bewussteren Umgang mit ihnen geführt hat. Irgendwann kaufe ich noch aus Versehen ein E-Book über die 5 sicheren Wege zum Millionenumsatz als Life-Coach, in der Annahme, dass ich gerade das übliche Cookie-Pop-up wegklicke.

Reflexion ist also der Schlüssel, wie wir uns davor bewahren, in unser eigenes Verderben zu rennen. Zu dieser Reflexion können gerade die Geisteswissenschaften, die Kunst, die Literatur beitragen. Wenn man sie nicht gerade abschafft, weil sie keinen unmittelbar erkenn- und vor allem messbaren Nutzen für die (digitalisierte) Gesellschaft haben.

Welche Bücher fallen Dir ein, wenn es um eine kritische Auseinandersetzung mit technischem Fortschritt und Digitalisierung geht? Welche Filme und Serien empfiehlst Du unseren Lesern? Und welche empfehlen sie wohl uns? Ich würde mich freuen, wenn weitere Tipps per Kommentar unsere Reading-List ergänzen.

Mein letzter Lesetipp für heute: Die Physiker von Dürrenmatt. Ich hoffe sehr, dass es noch immer auf dem Lehrplan unserer Schulen steht. Denn es ist brandaktuell.

Ich freue mich auf Deinen nächsten Brief!

Liebe Grüße

Deine Anne