Kategorie: Kultur

Brief No. 23 – Spitzer Stift, gespitzte Ohren.

Liebe Anne,

oha. Miteinander reden. Zuhören. Da hast Du aber ein Fass aufgemacht. Mein vom Urlaub noch sandverkrustetes Hirn (jetzt echt mal! Strandsand kriecht einfach überall hin!), dessen herausforderndste Aufgabe in der letzten Woche darin bestand, die Strandmuschel vor den Augen schadenfroh lauernder Kurgäste lässig in den Strandmuschelsack zu falten („Schafft sie es? Schafft sie es?”), muss jetzt erstmal warmlaufen, um Deinen Gedanken würdig zu begegnen.

Wait for it…

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Still loading…

*Fahrstuhlmusik*

Updating, please wait…

Thank you for your patience!

Jetzt.

(Vielleicht.)

 

Liebe Anne,

oh ja.

Miteinander reden.

Das ist ein großes Thema, tagesaktuell und hochpolitisch, im Kleinen wie im  Großen, und mit erstaunlichen Parallelen auf allen Ebenen!

Da ich mich gerade als Dramaturgin übe, möchte ich das mal szenisch darstellen:

 

Szene 1

Am Frühstückstisch.

Auftritt Kind mit Haaren wie Vogelnest.

Mutter: Guten Morgen, Kind. Kakao?

Kind: Die Lilly hat viel mehr Barbies als ich.

Mutter: Hier, mein Schatz. Reicht Kakao. Ist der Schulranzen gepackt?

Kind: Schlürft Kakao. Ich spare jetzt auf die Meerjungfrauenbarbie mit Leuchtflosse.

Mutter: Prima. Kämm dich noch, bevor du losgehst, ja?

Kind: schlürft Kakao, grunzt Unverständliches.

Mutter: Du musst dich ein bisschen beeilen, es ist schon Viertel vor. Die Bürste liegt auf der Kommode im Flur.

Kind steht widerwillig auf und verlässt die Küche.

Wiederauftritt Kind.

Mutter: Du siehst ja immer noch wüst aus. Du solltest Dich doch kämmen!

Kind: Haste nicht gesacht.

Mutter: Hab ich.

Kind: Und wo ist bitteschön die Bürste? Immer musst du mich so hetzen. Und zu trinken hatte ich auch noch nix.

 

Szene 2

Am Frühstückstisch.

Auftritt Präsident mit perfekt geföhnten Haaren.

Stabschef: Good Morning, Mr. President. Hot Cocoa?

Präsident: Good morning. I am tremendously awesome.

Stabschef: Of course, Sir. Here, enjoy your cocoa.

Präsident: So awesome. Schlürft Kakao.

Stabschef: Certainly, Sir. May I give you your morning briefing?

Präsident: I’m gonna buy Greenland.

Stabschef: Wonderful, Sir. Now, as for Great Britain…

Präsident: I’m gonna grab Greenland by the pussy.

Stabschef: I’m sure, Sir. Yesterday, the Brexiteers…

Präsident: I’m gonna paint Greenland yellow. Just because I can.

Stabschef: Absolutely, Sir. May I now shift your attention to Europe?

Präsident: Europe? Why, is it for sale, too?

 

Die Familienszene ist bis auf leichte Schrammspuren am mütterlichen Nervenkostüm harmlos. Die Präsidentenszene ist es nicht. Satire hin oder her – es ist inzwischen vorstellbar, dass es im Weißen Haus genau so zugeht. Just because he can.

Und dazwischen, in der Kommunikation zwischen Fremden und Freunden, im  alltäglichen Miteinander? Wie Du beobachte ich, dass Menschen zunehmend im Sendemodus herumspazieren. Alle sabbeln, aber kaum einer hat seine Antenne auf Empfang gestellt. Bei Kindern ist das noch entschuldbar: verkürzte Aufmerksamkeitsspanne und allgemeines Morgenmuffeltum oder im ungünstigen Fall beides in Kombination.

Bei Erwachsenen gibt es keine Entschuldigung. Aber es gibt eine Erklärung. Verantwortlich sind die sozialen Medien. Ja, es ist so simpel. Soziale Medien sind nämlich null sozial. Sie sind Plattformen der Selbstinszenierung, die unser Feedbackvermögen auf einen Buttonklick reduzieren. Wir verlieren die Fähigkeit zuzuhören, weil unser Hirn sich daran gewöhnt hat, nur noch Ultrakurzrückmeldungen in Form von Daumen-, Herzchen- oder Smiley-Icons zu verarbeiten.

Alle wollen guten Empfang, aber keiner will zuhören.

Austausch kann man das nicht mehr nennen.

In den sozialen Medien werden wir vielleicht gesehen, wenn wir uns brav algorithmuskonform verhalten, aber wir werden nicht erkannt. Dafür braucht es den persönlichen Kontakt, für den wir uns Zeit nehmen müssen. Einen gemeinsamen Kaffee, zum Beispiel. Oder einen Brief.

Am Sonntag haben wir unseren ersten Leserbrief auf liebe-anne.de erhalten. Auf unseren Leserbriefschreiber, Herrn D. aus D., wirkt das Briefeschreiben wie eine „Lüftung von unerwarteter Seite“. Herr D., Hut ab! Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, und zwar in mehrfacher Hinsicht:

In Ermangelung eines eigenen Büros bin ich heute im Baumarktcafé, um zu schreiben. Bereits auf der Radtour hierher wehte mir ein herbstkühles Lüftchen um Nase und Gedanken. Nun sitze ich hier neben einem Stapel Europaletten sowie festkochenden Kartoffeln im Tagesangebot, derweil Tiernahrung, Webergrills, Haustüren, Palmen und Holzzuschnitt an mir vorbeigeschoben werden, was die Ideen auf ganz neue Weise anschaukelt. Das Baumarktpersonal guckt freundlich bis irritiert. Hier sitzt man nicht, um zu schreiben. Hier verschnauft man kurz mit vier Säcken Spachtelmasse und neun Fliesenpaketen auf der Sackkarre, um alles kurz darauf in den Kombi zu hieven und das Gästebad komplett in Eigenregie zu renovieren. Vielleicht hält man mich für einen Spion – wie aufregend! Wie erfrischend!

Und dann ist da natürlich mein Füller. Ich habe ihn mir kürzlich genau für solche Gelegenheiten wie diese gekauft. Ich schreibe meine Texte häufig händisch vor. Kein Kabel behindert meinen Radius. Mein Mann nennt dieses altertümliche Schreiben auf Papier „Denken mit dem Stift“, was dem durchdigitalisierten „Homunculus“ in seiner verzerrt-demütigen Haltung vor einem seiner zahlreichen Gadgets ein willkommenes Gegenbild ist.

Und so schreibe ich und denke dabei an Dich, wie Du gerade auf dem Weg bist nach Bayern zu einem Termin, und ich überlege, ob Du wohl mit dem Zug gefahren bist, und ich frage mich, ob Du diesen Brief wohl heute noch lesen wirst. Und ich bin gespannt auf Deine Antwort, denn jetzt, genau in diesem Moment, „ist das Lauschen schon wichtiger geworden“, wie Herr D. es so schön beschreibt. Meine Gedanken sind auf den Weg gebracht. Ich freue mich schon sehr auf Deine!

Eine hinreichende Antwort, wie wir unser politisches System zum besseren diskursiven Miteinander bewegen können, kann ich abschließend leider nicht geben. Wer jedoch im Kleinen bei sich anfangen möchte gegenzusteuern, dem sage ich voll Überzeugung: Spitz den Stift, es spitzt die Ohren.

Alles Liebe

Anne

Brief No. 11 – Über Sinn und Unsinn des digitalen Fortschritts

Liebe Anne, Du hast einen Staubsaugroboter! Wusste ich das? Warum haben wir uns darüber am Mittwoch nicht eingehend unterhalten? Ein Staubsaugroboter! Ein Traum! Ich bitte dringend um einen Erfahrungsbericht.

Das vorweg. Nun zu Deiner Twitter-Community, die mir mit Gegenwind entgegentreten will. Aber bitte, meine Damen, meine Herren, pusten Sie los! Gerne trete ich mit Ihnen in die Diskussion. Sie werden sehen, dass ich mich mit guten Argumenten gern überzeugen lasse. Wir können auch gern über Sophia reden. Magst Du Sophia, Anne?

Den technischen Fortschritt möchte ich nicht zurückdrehen. Ich mag mein Auto, meinen Laptop und all den Komfort, den ein paar PS und ein gutes Textverarbeitungsprogramm mit sich bringen. Ich mag sogar Klimaanlagen, seit es mich für ein halbes Jahr in einen subtropischen Breitengrad verschlug. Für mich gibt es aber eine Grenze zwischen datenintensivem digitalem Fortschritt und technischen Neuerungen, die ohne Apps und Datenkabel auskommen. Toll, wenn mein Kühlschrank ein Null-Grad-Fach hat. Nicht toll, wenn er meinen Spreewaldgürkchenverbrauch überwachen will!

Irgendwann wird alles Technische digital sein, darauf rennt die Entwicklung zielstrebig zu. Selbst meine Waschmaschine wird ja schon digital ausgelesen. Ist das wirklich erstrebenswert? „Ach, wumpe, wen interessiert das schon, wie oft ich meine Weißwäsche schleudere?“ Na, irgendwen scheint es ja zu interessieren, sonst würden die Informationen nicht gesammelt werden. Aber im Zweifelsfall bremst das Argument „maßgeschneiderter Kundenservice“ schnell alle Kritik aus. Hey, man macht das nur für uns!

Ich stimme der Forderung nach einem reflektierten Umgang und dem gründlichen Hinterfragen des Mehrwerts und des Preises (und zwar nicht des monetären) digitaler Anwendungen, wie Ranga Yogeshwar sie formuliert, absolut zu. Wenn wir die Prozesse eines Tools nicht mehr überblicken können – und dabei meine ich nicht seine Programmierung, sondern die Länge und Reichweite seiner Arme im Hintergrund – sollten wir in die Grübelhaltung verfallen.

Ich in der Grübelhaltung.

Eine amerikanische Firma hat einen Stimmumwandler entwickelt. Mit dessen Hilfe kann man zum Beispiel mit der Stimme Prominenter sprechen. Das gab ein großes Hallo im Radio. Toll, war der Tenor! Toll wozu? Man sage mir bitte einen Nutzen, der außerhalb des Kriminellen liegt, für den dieses Programm sinnvoll sein könnte. Mir fällt keiner ein. Höchstens Entertainment, ein lustiger Partygag, haha, ich höre mich an wie Trump! Das ist ja genau das, was uns heute fehlt. Digitaler Fortschrott.

Als Co-Founderin dieses Blogs und im Kulturbereich tätig, hoffe ich natürlich, bei uns und unseren Lesern Gedanken und Ideen zu mobilisieren, die das Thema neugierig und kritisch hinterfragen. Insofern hoffe ich auch, dass – wie Du schreibst – Kultur und Literatur einen Anstoß geben können. Ob das Erfolg hat? Man kann’s ja nur versuchen!

Und als Kulturtipp? Game of Thrones. Erbärmliche Feuerchen im Ofen im klirrenden Winter und endloses Herumgetrage von Nachrichtenrollen mit Wachssiegel. Danach freut man sich richtig über Zentralheizung und E-Mail.

Alles Liebe

Deine Anne