Brief No. 20 – Den Vogel abgeschossen…

… hast Du mit Deinem letzten Brief, liebe Anne!

Ich habe laut gelacht und dabei beinahe die bereits den ganzen Sommer durchzwitschernden Vögel im Busch der Nachbarin übertönt.

Auch ich habe ein Vögel… äh, Vogelproblem. Die Buschbewohner hielt ich bisher für Spatzen, aber nachdem ich von Dir erfahren habe, dass sie selten geworden sind, tippe ich nun doch auf den Haussperling. Der Busch im Erdgeschoss klingt nämlich ziemlich genau so.

Auf der Balkonbrüstung ist es die Amsel, die uns täglich besucht und fröhlich zwitschernd aufs Geländer scheißt. Das dulden wir duldsam, weil wir sie einfach so nett finden und uns einbilden, dass das auf Gegenseitigkeit beruht. Schließlich kommt sie wirklich jeden Tag. In Wirklichkeit schätzt sie wahrscheinlich einfach nur die Akustik und das Echo, das sich von unserem Balkon aus so wunderbar erzeugen lässt.

Tauben gibt es bei uns nicht.

Ich bin gespannt auf Deinen nächsten Brief, liebe Anne. Wird es wieder um Vögel gehen? Oder Freiheit? Oder Erfolg? Vielleicht auch Wirksamkeit?

Viele Grüße in die philosophische Küche,

Deine Anne

 

Brief No. 19 – Warum ich mich für den Spatz entscheide.

Liebe Anne,

Die. Taube. Auf. Dem. Dach.

Da schon wieder!

“HuhuuuHU!”

Diese VIECHER!

Dass die als Friedenssymbol herhalten müssen, obwohl sie mich jeden Morgen ab 5 mit ihrem Gegurre um meinen wohlverdienten Schlaf bringen, ist mir vollkommen rätselhaft.

Mit hängenden Lidern schleppe ich mich dann auf den vollgekackten Balkon und denke: “KRIEG!” Es bleibt beim In-die-Hände-klatschen, die Vögel verziehen sich auf des Nachbars Regenrinne, gucken dämlich und sind ja doch in 5 Minuten wieder da.

Neulich hielt ein Taubenpärchen es für eine gute Idee, bei uns Dauerquartier zu beziehen. “Hier ist es schön, hier bleiben wir”, schienen sie befunden zu haben. “Diese klatschende Trulla nervt zwar ein bisschen, aber die Aussicht ist Bombe.” Fleißig trugen sie Geäst heran. Zum Glück merkte ich es frühzeitig. Ich räumte alles wieder ab. Sie brachten weitere Zweige. Ich räumte alles wieder ab.

Unbeirrt machten sie weiter.

Ich auch.

Ich kürze ab: Irgendwann kapierten sie es und suchten sich einen anderen Nistplatz. Ich gewann das Match.

Die Tauben kommen weiterhin. Ich bilde mir ein, ihr Gegurre ist nach dem Vorfall noch penetranter als früher, und mehr geschietert wird auch (falls das überhaupt möglich ist).

Also entscheide ich mich für den Spatz in der Hand.

Ist ja auch niedlich, so ein kleiner Spatz. Außerdem lese ich, dass seine Art bedroht ist. Er ist quasi auf dem absteigenden Ast. Ich nehme an, es liegt an den Kanonen, mit denen auf ihn geschossen wird.

Unverantwortlich!

Leute, lasst die Spatzen in Ruhe!

Nehmt Euch lieber die Tauben vor!

“HuhuuuHU!”

Schon wieder!

Ich bin dann mal auf dem Balkon.

Deine Anne

P.S.: Das intellektuelle Niveau dieses Briefs wird Deinem Brief nicht gerecht. Dafür entschuldige ich mich. Ich bin einfach nur so MÜDE! Ich liefere nach, wenn ich ausgeschlafen habe.

🙂

Brief No. 18 – Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen

Liebe Anne,

in der Tat, das haben sie gut gemacht, die Werber. Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen. Für alles andere…

Doch auch die “Dinge”, die man nicht kaufen kann, haben ihren Preis. Sogar die Freiheit selbst. Der Preis der materiellen oder äußeren Freiheit ist nicht selten die immaterielle oder innere Unfreiheit. Mit eigenem Reihenhäuschen samt Carport und Markise bin ich frei von monatlichen Mietzahlungen. Doch die innere Hürde, mehrere Monate im Camper die Welt zu entdecken, steigt.

Ist der Preis der inneren Freiheit dann die materielle Unfreiheit? Diese Sicht scheint mir in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Als ich mich selbständig gemacht habe, bin ich häufig dieser Sichtweise begegnet. Einen gut bezahlten Job zu kündigen, um eine Selbständigkeit mit ungewissen Erfolgsaussichten aufzubauen, ist in den Augen vieler unvernüftig.

Doch wer fängt die Taube, wenn wir alle Spatzen jagen? Die innere Freiheit von vermeintlichen materiellen Zwängen kann die Chance auf die Steigerung der materiellen Freiheit erhöhen. Der Preis dieser Chance ist das Risiko, alles zu verlieren.

Leichter ist es, solche Risiken aus einer Situation materieller Sicherheit heraus einzugehen. Und so ist es, wie Du schreibst: Freiheit und Sicherheit bedingen sich gegenseitig.

Liebe Anne, ich könnte noch Stunden über dieses Spannungsverhältnis philosophieren. Der Entwurf für diesen Brief liegt schon seit Monaten herum. Ich dachte, da fehlt noch was, da kommt noch was, das ist es noch nicht. Und wenn schon? Das Risiko gehe ich ein!

Alles Liebe,
Deine Anne

Brief No. 17 – Die Freiheit nehm’ ich mir.

Liebe Anne,

das haben die Werber wirklich sehr gut gemacht. Man hört den Slogan, siehe oben, und sieht die Visakarte sofort keck unter dem Badeanzug hervorblitzen.

Du schreibst in Deinem letzten Brief von der Freiheit als Deinem höchsten Gut, und ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass Du ähnlich elegant dem Wasser entsteigen würdest wie diese Dame.

Gleichzeitig ist mir sehr bewusst, dass der Clip nur einen äußerst kleinen Teil von dem berührt, was uns Freiheit  bedeutet. Ich schreibe bewusst ‘uns’, weil wir beide den Wert, den wir der Freiheit beimessen, teilen. Sie ist mir genauso wichtig wie Dir.

Materiell frei zu sein, wie die Werbung es suggeriert – ich glaube, darunter verstehen wir das gleiche. Materielle Freiheit meint unserem Verständnis nach nicht den MacLaren vor der Rotunde eine Schlösschens mit Elbblick, auch wenn das natürlich sehr nett ist. Unsere Wünsche sind bodenständig.

Was immaterielle Freiheit angeht, sind wir kompromissloser. Wie dankbar können wir den Frauen der Generationen vor uns sein, dass wir uns aus antiquierten Rollenbildern haben lösen können und in unserer Gesellschaft frei sind, zu bestimmen, wie wir leben möchten. Das heißt nicht, dass alle Menschen die gleichen Chancen haben, leider, weder Männer noch Frauen. Aber unser Radius hat sich durch die Freiheit zur Selbstbestimmung insgesamt erheblich erweitert.

Fühlen wir uns damit existentialistisch zur Freiheit verurteilt oder folgen wir ihrem verlockenden Ruf nur allzu gern? Können wir diese Frage überhaupt pauschal beantworten? Hängt es nicht immer von der jeweiligen Situation und Entscheidung ab, ob wir ihr mit leichtem Herzen entgegentreten oder sie als Pflicht empfinden?

Wie frei wollen wir sein? Selbstgesetzte Grenzen geben ja auch Sicherheit. Theroretisch könnte ich mein Hab und Gut verkaufen und mit einem Camper bis nach Indien fahren, oder ich könnte eine Hypothek aufnehmen und mir ein Reihenhäuschen mit Carport, Markise und einem Buchsbaum im Vorgarten zulegen. Dann entgeht mir vielleicht der Sonnenaufgang am Taj Mahal, aber ich fahre mich auch nicht nachts in irgendeinem Grenzgebiet in der Wüste fest. Camper oder Reihenhaus – beides habe ich für dieses Jahr nicht auf dem Plan. Aber: Ich hätte die Freiheit, mich dafür zu entscheiden.

Ich weiß, dass Du Dich in nächster Zeit in einem Bereich Deines Lebens binden wirst, während Du in einem anderen Bereich den Entschluss, frei zu bleiben, noch einmal bekräftigst. Als wir gestern gemeinsam in der Sonne saßen, sprachen wir über beides, ganz unmittelbar. Wir können die Freiheit lieben und die Bindung suchen. Wir können uns Grenzen stecken und trotzdem Freigeister bleiben. Das geht sehr gut zusammen. Vielleicht bedingt es sich auch gegenseitig. Wir brauchen Wurzeln, um losfliegen zu können, und wir brauchen die Vogelperspektive, um unseren Platz zu finden.

Ich hoffe, Ihr seid wieder gut zu Hause angekommen.

Der Tag gestern war wunderbar.

Alles Liebe

Deine Anne

Brief No. 16 – Loslassen

Liebe Anne,

nachdem ich die letzten Wochen nicht dazu gekommen bin, Dir zu antworten, fällt es mir nun schwer, den Faden wieder aufzunehmen. Unsere ersten 15 Briefe waren wie ein Rausch. Deine Briefe lösten immer gleich etwas aus in mir, einen Gedanken, ein Gefühl, eine Idee. Gedanken, die raus wollten, die verbalisiert werden wollten. Schnellstmöglich habe ich Dir geantwortet und war ab da immer gespannt, wann und wie Du wiederum auf meinen Brief reagierst.

Dieser Flow ist nun unterbrochen. Ein bisschen aufgewärmt fühlt es sich an, wenn ich Deinen letzten Brief erneut lese und versuche, kluge Antworten auf Deine klugen Fragen zu finden. Ein bisschen so, wie wenn man versucht, die einzigartige Stimmung einer einmaligen Feier zu reproduzieren, indem man dieselben Leute zur selben Zeit im Jahr an denselben Ort einlädt. Doch die Stimmung von damals lässt sich nicht reproduzieren. Sie ist und bleibt einmalig.

Also habe ich beschlossen, gar nicht erst zu versuchen, den Flow aus unseren ersten Briefen wieder aufleben zu lassen. Weil er nur dann eine Chance hat, wieder oder neu zu entstehen. Erst wenn wir uns vom Idealbild lösen, hat das Abbild eine Chance, gut zu werden. Weil es dann kein Abbild mehr ist. Weil es dann etwas eigenes ist.

Wenn wir (Frauen) uns in (vermeintlichen) Gegensätzen beschreiben, wie Du es in Deinem letzten Brief beobachtet hast, dann scheint mir da viel Orientierung an Idealbildern zu herrschen. Wir wollen die ideale Mutter UND die ideale Karrierefrau sein. Wir wollen Luxus UND erhebende Entbehrung. Und halten das dann für individuell oder gar unkonventionell. Dabei ist es nur ein Potpourri konventioneller Idealbilder. Mächtiger Idealbilder, die uns gefangen halten in bestehenden Rollen und Klischees. Viele von uns beherrschen mehrere dieser Rollen und den permanenten Wechsel zwischen ihnen in Perfektion. Aber ist das wirklich ein Fortschritt?

Wenn ich ein Wort wählen müsste, wäre es wahrscheinlich Freiheit.

Wenn andere ein Wort für mich wählen müssen, sagen sie gelegentlich “unkonventionell”. Das gefällt mir. Und doch überrascht es mit mich jedes Mal, wenn es passiert. Dann frage ich mich, was an mir denn so unkonventionell ist.

Ich trage ziemlich gewöhnliche Kleidung, habe seit Jahren dieselbe unauffällige Frisur und lebe in einer äußerst konventionellen Wohnung mit geradezu erschreckend vielen rechten Winkeln. Ich schaue bis heute lineares Fernsehen – deshalb ärgere ich mich Sonntags immer noch, wenn Polizeiruf statt Tatort kommt, während andere sich längst vom Diktat der öffentlichen und privaten Fernsehanstalten befreit haben und stattdessen zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit das schauen, was sie gemäß Algorithmus von Netflix und Co. wirklich schauen wollen. Aber wenn ich in einem Seminar am Spiel “Wir lernen uns kennen, indem wir Hypothesen übereinander aufstellen” teilnehme – dann sagen die Leute, ich sei vermutlich “unkonventionell”.

Ich nehme das als Kompliment. Und verstehe es so, dass man mir zutraut, Bestehendes zu hinterfragen. Konventionelle Idealbilder loszulassen. Frei zu sein. Das macht mich glücklich. Auch wenn ich weiß, dass ich in den allermeisten meiner alltäglichen Enscheidungen äußerst konventionell handle.

Liebe Anne, dieser Brief ist jetzt überraschend persönlich geworden. Das passiert schonmal, wenn dann plötzlich der Flow da ist. Ich freue mich auf Deine Antwort.

Deine Anne

Brief No. 15 – Wer sind wir, wenn wir alles sind?

Liebe Anne,

mit großem Bedauern habe ich vom Ableben Eures Staubsaugroboters erfahren. Wie nur konnte er die Treppenstufe übersehen? Soll ich Dir für die nächsten Tage meinen Staubsauger leihen? Dem ist hier total langweilig. Nicht ausgelastet. Der Arme.

Deine Argumentation, dass wir über unseren Individualismus verlernen, Kompromisse zu schließen, finde ich sehr überzeugend. Schließlich sind wir alle heute etwas GANZ BESONDERES und deswegen haben wir auch ganz besonders Recht. Warum man deswegen so im Internet rumschreien muss, ist mir allerdings ein Rätsel. Aber wenn es eine Schwarmintelligenz gibt, gibt es vielleicht auch das Gegenstück dazu. Und wie nennen wir dieses Gegenstück nun politisch korrekt? Fällt Dir was ein?

Die 200 Frauen gucke ich mir gerne mit Dir an, zumal, wenn es dazu Scones gibt! Sich mit einem Wort zu beschreiben, wie es ihre Aufgabe war, finde ich aber ganz schön schwierig. Im Moment würde ich „hungrig“ sagen, aber ich glaube, das verfehlt vermutlich die Aufgabenstellung. „Suchend“ vielleicht, und das nicht, weil ich heute morgen meine Hose nicht gefunden habe.

Ist Dir mal aufgefallen, dass Frauen sich und ihre Vorlieben oft in Gegensätzen beschreiben, wenn mehr als ein Wort erlaubt ist? „Ich mag den Luxus eines schönen Spa-Hotels, aber ich gehe auch echt gerne campen.“ Oder „Mein Stil? Ich mixe handverlesene It-Pieces mit Vintage-Teilen vom Flohmarkt.“ Oder „Die Karriere ist mir megawichtig, aber irgendwann will ich auch Kinder.“ (Tic toc.)

Ist das individuell? Ist das unentschieden? Oder ist das angepasst? Denn so eckt Frau nie an. Man stelle sich vor, sie würde sagen: „Dolce, ich trage Dolce und sonst nichts!“ Dann ist sie sofort ein Luxusweibchen. Wenn sie sagt: „Meine Klamotten sind alle vom Flohmarkt“, befürchte ich gerümpfte Nasen bei einigen Geschlechtsgenossinnen. Mit dem Spruch „Ich will das dicke Geld verdienen“ ist sie die seelenlose Karrierefrau. Wenn sie sich allerdings um Kinder und Heim kümmert, vergammelt ihr Diplom gerahmt über der Wickelkommode.

Wollen wir alles sein, weil wir abschätzige Bewertungen befürchten?

Sind unsere Dualismen vorauseilender Gehorsam gegenüber den Erwartungen anderer?

Können wir uns tatsächlich nicht entscheiden?

Was ist man, wenn man alles ist?

Für heute befinde ich, dass mein Wort „schaffend“ sein soll. Nicht, weil ich besonders viel wegschaffen würde, nein, nein, leider. „Schaffend“ meine ich im kreierenden, realisierenden Sinn. Ich hoffe, mit diesem Brief einen kleinen Schritt in diese Richtung getan zu haben.

Welches Wort wählst Du?

Alles Liebe

Deine Anne

Brief No. 14 – Zweihundert nuancierte Geschichten

Liebe Anne,

vierzehn Briefe in dreiundzwanzig Tagen… Wow! Wo soll das noch hinführen? Hm, mal sehen, denke ich mir, und zucke vergnügt mit den Schultern… 🙂

Über Deinen letzten Brief habe ich mich sehr gefreut, denn er hat mich ebenfalls zum Nachdenken gebracht. Auf den ersten Blick scheint es ein Widerspruch, dass wir einerseits so oft in Gegensätzen und Entweder-Oder-Entscheidungen denken (in der Politik, im Privaten, im Beruf), andererseits aber als Konsumenten von Wahlmöglichkeiten überschüttet und nicht selten überfordert werden.

Müsli ist ein gutes Stichwort. Frühstück überhaupt. Auswahl am frühen Morgen? Nein, Danke! Ich bekomme regelmäßig schlechte Laune, wenn ich aushäusig übernachte und morgens vor unzähligen Teesorten stehe (Ingwer-Zitrone, Melone-Holunder, Rooibos-Vanille – wer trinkt heute noch Rooibos-Vanille?!?), aber weit und breit kein stinknormaler, nicht aromatisierter schwarzer Frühstückstee zu sehen ist. Und jetzt komm mir nicht mit Darjeeling! Darjeeling wird nur wegen seines aristokratisch-wohlklingenden Namens angeboten. Wahrscheinlich ist Rooibos deshalb auch noch im Sortiment. Wobei das weniger aristokratisch klingt. Darjeeling und Earl Grey sind super! Nachmittags zum Kuchen oder Scone. Am frühen Morgen hätte ich gerne eine möglichst unauffällige, aber im besten Fall starke Ceylon-Assam-Mischung. Ich glaube, das nennt sich “English Breakfast Tea”. So ein Zufall! Beim Wachwerden will ich weder Entscheidungen treffen noch meine Geschmacksknospen trainieren. Im Wesentlichen will ich einfach nur hier sitzen und eine Tasse Tee trinken. Schließlich gibt es im weiteren Tagesverlauf genug herausfordernde Fragestellungen zu beackern und Stolpersteine zu umschiffen, die weitreichendere Konsequenzen haben als die Wahl meines Frühstückstees.

So gesehen erscheint es wenig verwunderlich, dass wir in den wichtigen Dingen nur noch schwarz-weiß denken, wenn wir unser Hirn schon zu 90% mit alltäglichen Konsumentscheidungen auslasten. Aber auch wenn sie mich morgens beim Frühstück quälen, sind diese Konsumentscheidungen, wie Du schreibst, natürlich viel ungefährlicher als die großen Fragen der Politik und des Lebens. Vielleicht sind wir von personalisierten Angeboten auch so verwöhnt, dass wir den Anspruch auf 100% Individualismus auf das Politische übertragen. Haben wir verlernt, miteinander zu verhandeln? Verlernt, um gute Lösungen zu ringen, die für die gesamte Gesellschaft tragbar sind? Betreiben wir politisches Cherry- bzw. Cranberry-Picking, wenn wir Koalitionsverträge als faule Kompromisse abtun, weil unsere Alltagserfahrung uns suggeriert, dass eine Wahl nur dann gut ist, wenn sie zu 100% unseren individuellen Wünschen entspricht? Die Welt ist bunt, und deshalb braucht sie bunte Lösungen, die aus einem Dialog von nuancierten Geschichten entstehen.

Zweihundert nuancierte Geschichten gibt es in einem wunderbaren Buch zu lesen und zu sehen, das ich neulich von zwei Freundinnen geschenkt bekommen habe. An dieses Buch musste ich denken, liebe Anne, als ich Deinen letzten Brief gelesen habe.

Es erzählt in Wort und Bild die Geschichten von zweihundert Frauen aus aller Welt, die Großes und Kleines bewegt haben, manche prominent, andere nicht. Zweihundert ausdrucksstarke Portraitfotos werden von ebenso ausdrucksstarken Antworten auf fünf wiederkehrende Fragen über Ziele, Wünsche, Träume und die Welt begleitet. Meine Lieblingsfrage: Wählen Sie ein Wort, das Sie beschreibt. Allein die Antworten auf diese letzte Interviewfrage zeigen, wie vielfältig das Leben und Erleben von Frauen auf dieser Welt ist. Keine einzige antwortet mit “Frau” oder “weiblich”. Auch nicht mit “Mutter”. Das Buch ist damit für mich auch ein Gegenentwurf zu den eintönigen Tassenbildern, über die wir uns noch vor einigen Tagen gemeinsam empört haben.

Liebe Anne, kennst Du dieses Buch oder das gleichnamige Projekt? Wenn nicht, müssen wir bei einem unserer nächsten Treffen unbedingt gemeinsam reinschmökern. Und wenn doch, dann auch. Vielleicht bei einer schönen Tasse Earl Grey. Und einem Scone!

Ich freue mich auf Deinen nächsten Brief.

Deine Anne

P.S. Über Twitter erreichte mich noch eine Serienempfehlung bzw. -warnung: Black Mirror. Das ist eine Reihe dystopischer Kurzgeschichten. Sehr gut und teilweise sehr schwer verdaulich.

Brief No. 13 – Schwarz oder Weiß?

Liebe Anne,

vielen Dank für Deinen Brief, den ich sehr gern gelesen habe. Er brachte mich zum Nachdenken. Ich verfiel in Grübelhaltung. Drehte und wendete Gedanken über das Entweder-Oder-Oder-Oder-Oder-Oder im Konsum, in dem der Kunde, das Geld willig im Anschlag, vor einem Kilometer Ladenzeile voller Frühstücksflocken steht und eine Auswahl treffen soll. Und der, wenn er in der Unübersichtlichkeit des Angebots zu keiner Entscheidungsfindung gelangt, seine persönliche, handverlesene Müslimischung online ordern kann.

Dinkel, Roggen, Rosinen und Himbeeren? Oder doch Cranberries?*

Äußere Insignien von Individualität sind heute nicht nur willkommen, sondern gefordert – Instagram! – aber die Meinungsbildung soll besonders online bitteschön hübsch übersichtlich ausfallen. Es ist, wie Du es beschreibst: Daumen hoch, Daumen runter. Schnell geklickt, und weiter gehts.

Ist der Grund für fehlende Nuancen hier, dass ein personalisiertes Müsli weniger gefährlich ist als eine persönliche Meinung?

Sollten nicht unsere Erfahrungen, die wir sammeln, wenn wir über das unübersichtliche Meer der Möglichkeiten navigieren und Reize über Reize filtern, unser Gehirn auf das Erkennen und Anerkennen von Unterschieden und Feinheiten prägen, die auszumachen in den täglichen Entscheidungsprozessen heute eine so wichtige Rolle spielen?

Oder ist es genau andersherum? Läuft unser Hirn im schnelllebigen Alltag so hochtourig, dass wir nach dem Überblickbaren lechzen; nach dem, was klar zuordbar ist und in bekannte Kategorien fällt? Fallen wir aus Überforderung oder aus Bequemlichkeit auf Schwarz-Weißmalerei zurück?

Malen wir hier gar selbst Schwarz-Weiß? Finden wir Nuancen, wenn wir ein bisschen buddeln? Zum Beispiel in persönlichen Blogs und spezialisierten Foren, die natürlich nicht den Traffic und Einfluss generieren, wie es Mainstream-Plattformen vermögen?

Ich bin eindeutig pro Nuancen. Und ich freue mich, wenn es uns in unseren Briefen gelingt, viele unterschiedliche Schattierungen zu zeigen. Und wenn unsere Leser dazu in ihren Kommentaren beitragen, freuen wir uns umso mehr!

Anne, ich danke Dir für den Gedankenanstoß und bin neugierig auf Deine Einschätzung!

Alles Liebe

Deine Anne


*Das kann auch nach hinten losgehen. Studien haben ergeben, dass es so etwas wie eine Frühstücksflockenverwirrung gibt, bei der der Kunde, überwältigt vom Angebot, gar keine Entscheidung trifft und flockenlos abzieht, bevor er das vermeintlich Falsche kauft.

Brief No. 12 – Gefangen im Entweder-Oder

Liebe Anne,

aber natürlich haben wir einen Staubsaugerroboter! Seit Jahren! Wenn Du wüsstest, was wir sonst noch alles haben… Es würde mich nicht wundern, wenn nächstes Jahr zu Weihnachten Sophia einzöge. Aber da streike ich. Das geht zu weit! Entschuldige, dass ich Dir am Mittwoch einen Bericht über die neuesten Haushalts-Gadgets schuldig geblieben bin. Da hatten wir wohl wichtigere Themen zu besprechen 🙂

Gerade bin ich auf diesen Artikel im Tages-Anzeiger gestoßen: Eine Rezension des neuen Buchs Die große Gereiztheit von Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, in dem er zu erklären versucht, wie oder weshalb Shitstorms entstehen. Unter anderem sei dies auf die unmittelbare mediale Nachbarschaft unterschiedlicher Meinungen zurückzuführen, die andauernd Kollisionen und Konflikte erzeuge.

Die unmittelbare Nachbarschaft von Meinungen erzeugt Konflikte. Das scheint mir erst einmal ganz natürlich zu sein. Seltsam erscheint mir die Art, wie wir im Netz und anderswo mit diesen Konflikten umgehen. Die einzig bekannte Konfliktlösungsstrategie scheint der Kampf zu sein, der erst dann endet, wenn es einen eindeutigen Gewinner und einen eindeutigen Verlierer gibt. Wenn der Shitstorm sein Opfer zu Tode getrampelt hat. Wenn eine endgültige Entscheidung getroffen wurde zwischen Position A und Position B.

Wie zur Bestätigung der These werde ich am Ende des Artikels gefragt:

Lesenswert oder nicht? Entweder-Oder. Entscheide Dich! Oder willst Du nachfolgenden Lesern etwa zumuten, sich selbst ein Urteil zu bilden? Ja oder Nein? Null oder Eins? Kind oder Karriere? Schokolade oder Vanille? Freizügigkeit oder Obergrenze? Wohlstand oder Selbstverwirklichung? Daumen hoch oder runter? GroKo oder AfD? Raute oder Tasse? Lasst uns abstimmen. Du musst Dich entscheiden. Jetzt!

Wo sind die Grautöne geblieben?, frage ich mich da. Wann und wie haben wir verlernt, Nuancen zu sehen? Das Wort “Digitalisierung” bekommt so noch eine ganz andere Bedeutung: Die Einteilung der Welt in Entweder-Oder. Dabei liegen die guten Lösungen meist irgendwo dazwischen.

Zeit für die Grübelpose…

Deine Anne

Brief No. 11 – Über Sinn und Unsinn des digitalen Fortschritts

Liebe Anne, Du hast einen Staubsaugroboter! Wusste ich das? Warum haben wir uns darüber am Mittwoch nicht eingehend unterhalten? Ein Staubsaugroboter! Ein Traum! Ich bitte dringend um einen Erfahrungsbericht.

Das vorweg. Nun zu Deiner Twitter-Community, die mir mit Gegenwind entgegentreten will. Aber bitte, meine Damen, meine Herren, pusten Sie los! Gerne trete ich mit Ihnen in die Diskussion. Sie werden sehen, dass ich mich mit guten Argumenten gern überzeugen lasse. Wir können auch gern über Sophia reden. Magst Du Sophia, Anne?

Den technischen Fortschritt möchte ich nicht zurückdrehen. Ich mag mein Auto, meinen Laptop und all den Komfort, den ein paar PS und ein gutes Textverarbeitungsprogramm mit sich bringen. Ich mag sogar Klimaanlagen, seit es mich für ein halbes Jahr in einen subtropischen Breitengrad verschlug. Für mich gibt es aber eine Grenze zwischen datenintensivem digitalem Fortschritt und technischen Neuerungen, die ohne Apps und Datenkabel auskommen. Toll, wenn mein Kühlschrank ein Null-Grad-Fach hat. Nicht toll, wenn er meinen Spreewaldgürkchenverbrauch überwachen will!

Irgendwann wird alles Technische digital sein, darauf rennt die Entwicklung zielstrebig zu. Selbst meine Waschmaschine wird ja schon digital ausgelesen. Ist das wirklich erstrebenswert? „Ach, wumpe, wen interessiert das schon, wie oft ich meine Weißwäsche schleudere?“ Na, irgendwen scheint es ja zu interessieren, sonst würden die Informationen nicht gesammelt werden. Aber im Zweifelsfall bremst das Argument „maßgeschneiderter Kundenservice“ schnell alle Kritik aus. Hey, man macht das nur für uns!

Ich stimme der Forderung nach einem reflektierten Umgang und dem gründlichen Hinterfragen des Mehrwerts und des Preises (und zwar nicht des monetären) digitaler Anwendungen, wie Ranga Yogeshwar sie formuliert, absolut zu. Wenn wir die Prozesse eines Tools nicht mehr überblicken können – und dabei meine ich nicht seine Programmierung, sondern die Länge und Reichweite seiner Arme im Hintergrund – sollten wir in die Grübelhaltung verfallen.

Ich in der Grübelhaltung.

Eine amerikanische Firma hat einen Stimmumwandler entwickelt. Mit dessen Hilfe kann man zum Beispiel mit der Stimme Prominenter sprechen. Das gab ein großes Hallo im Radio. Toll, war der Tenor! Toll wozu? Man sage mir bitte einen Nutzen, der außerhalb des Kriminellen liegt, für den dieses Programm sinnvoll sein könnte. Mir fällt keiner ein. Höchstens Entertainment, ein lustiger Partygag, haha, ich höre mich an wie Trump! Das ist ja genau das, was uns heute fehlt. Digitaler Fortschrott.

Als Co-Founderin dieses Blogs und im Kulturbereich tätig, hoffe ich natürlich, bei uns und unseren Lesern Gedanken und Ideen zu mobilisieren, die das Thema neugierig und kritisch hinterfragen. Insofern hoffe ich auch, dass – wie Du schreibst – Kultur und Literatur einen Anstoß geben können. Ob das Erfolg hat? Man kann’s ja nur versuchen!

Und als Kulturtipp? Game of Thrones. Erbärmliche Feuerchen im Ofen im klirrenden Winter und endloses Herumgetrage von Nachrichtenrollen mit Wachssiegel. Danach freut man sich richtig über Zentralheizung und E-Mail.

Alles Liebe

Deine Anne