Brief No. 25 – Zufall Mensch reloaded

Liebe Anne,

danke für Deinen Brief. Und Herr D. aus D., Dank Ihnen für Ihre Gedanken!

Erst einmal zu Dir, Anne: Bei der Lektüre Deiner Zeilen hüpfte die Abenteurerin in mir wütend auf und ab (so richtig rumpelstilzchenesk mit hochrotem Gesicht und geballten Fäusten), als sie sich vorstellte, dass eine algorithmendurchdrungene Zukunft uns jedes Zufalls berauben könnte, bis hin zur Getränkeauswahl. „NÖ!“, brüllte sie empört, „mit mir ja schon mal gar nicht, soweit kommt’s noch!“ Es folgten unflätige Ausdrücke, die ich hier zur Qualitätssicherung des Briefes zensieren muss. Danach, als sie sich ein bisschen abgeregt hatte, gedachten wir bei einem beruhigenden Fencheltee all der Zufälle, die bisher in unser Leben gespült worden waren.

So ein Zufall bist Du, Anne. Ich hätte damals ebensogut ein anderes Hauptseminar wählen oder mich ganz nach vorne im Seminarraum setzen können. Dann hätten wir nicht Seite an Seite gesessen, ich hätte Dich nicht angelächelt, und Dich, als Du zurücklächeltest, nicht angesprochen. In der Woche darauf hätte ich Dir vor Seminarbeginn nicht mein Thesenpapier gezeigt, und das alles zusammen hätte nicht zu einem mehrstündigen Kaffeedate am Markt geführt, wo wir herausfanden, dass wir so viel mehr als einen Namen teilen. Was hätte ich verpasst, wenn mir nicht irgendetwas im Vorlesungsverzeichnis geflüstert hätte, dass ich dringend etwas über das Pidgin Haitis lernen müsse, um im Leben gescheit voranzukommen?

Herr D., ein weiteres Beispiel einer chance encounter. (Ist das nicht ein toller Terminus? ‘Zufallsbekanntschaft’ sagen wir, aber das Englische schließt die Möglichkeiten – und im weiteren Sinne auch das das potentielle Glück – der Begegnung ganz offen im Begriff mit ein. Das gefällt mir.)

Ich lege an dieser Stelle für unsere Leser offen, dass ich Herrn D. persönlich kenne. Der Kontakt zu Herrn D. entstand durch Kontakt zu seiner wunderbaren Frau A., der sich wiederum durch Kontakt zum jungen Fräulein C. entwickelte, das sich unseres Kindes annahm, als es in der neuen Kita mit seinem Schnuffeltuch unsicher in einer Ecke stand. Hätte Fräulein C. stattdessen beschlossen, das Kind einfach links liegen zu lassen, wäre ich jüngst der Chance beraubt worden, ein verregnetes Wochenende in einem alten Kloster mit überbordendem Fressalientisch und improvisierten Gemäldeanalysen im Refektorium („Othello?“ – „Nee. Historisch.“ – „Oder was ganz anderes.“ – „Das da ist ein grübelnder Kardinal.“ – „Warum hat sie ihre Hand an seinem Po?“ – „Ich google das mal.“ – „Kein Netz.“ – „Eifel halt.“) zu verbringen, und ich möchte sie nicht missen.

In extenso führt das zu der irgendwie irren, aber schönen Konsequenz, dass das Dir bisher unbekannte Fräulein C. verantwortlich dafür ist, wo Du demnächst Silvester feierst, Anne. Und ja, natürlich können wir aufhören, Herrn D. zu siezen, und ihn einfach Dennis nennen.

„ABER!“ mischt sich die Sicherheitsbeauftragte in mir da unerwartet ein. „So ein Algorithmus könnte all die Leute, auf deren Kontakt man sehr gut verzichten kann, einfach im Voraus aus der Biografie herausrechnen und allein die sympathischen, kompatiblen Charaktere mit Mehrwert berücksichtigen. Was man sich da nicht alles für Ärger ersparen könnte! Beispiel? Gestern!“

Ich weiß genau, was sie meint, leider. Eine Dame an einem Serviceschalter hatte mich mit einer selten dagewesenen Hochnäsigkeit derart von oben herab behandelt, dass ich kurz davor war, wie im Film zu fragen: „Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?“ (Zum Glück nahm ich davon Abstand. Das ist eine sehr dämliche Frage. Wer ist schon so erleuchtet, dass er wirklich weiß und im Zweifelsfall erklären kann, wer er ist?) Stattdessen blieb ich so freundlich, wie es mir möglich war, und ärgere mich nun im Nachhinein darüber. Ich hätte einfach den Chef verlangen sollen. Auf jeden Fall hätte ich gern auf die Begegnung verzichtet. Und da wäre es doch praktisch gewesen, wenn mir eine App im Vorherein bedeutet hätte, mich in die Schlange daneben zu stellen, um von dem jungen Typ mit dem grünen Ziegenbärtchen bedient zu werden. Der schien ganz vernünftig zu seinen Kunden zu sein.

„Siehste!“, sagt die Sicherheitsbeauftragte, lehnt sich zurück und legt weitere Beispiele nach. Den Exfreund. Den einen Professor aus dem Grundstudium. Die Busfahrerin neulich. Die Lästerschwester drei Häuser weiter. Sie hat einige Exempel parat, meine Sicherheitsbeauftragte, und resümiert schließlich: „Denen wärste dann nicht über den Weg gelaufen! Und in Zukunft würdest Du automatisch ferngehalten von allen Napfsülzen. Wäre das nicht praktisch?“

Ja. Wäre es das nicht? Chance schließt eben auch immer die Möglichkeit mit ein, dass man es mit potentiellen Deppen zu tun haben könnte, und prophylaktische Deppenvermeidung klingt erst einmal nach einem sehr sinnvollen Geschäftsmodell.

Aber welche Geschichten erzählen wir uns, wenn Algorithmen bestimmen, wem wir begegnen?

Hieß es bisher:

„Ich hätte nie diesen Blog gestartet, wenn ich mich damals nicht für das Seminar entschieden hätte.“

„Wenn die Kinder sich nicht befreundet hätten, wären wir nie im Kloster gelandet.“

… hieße es dann:

„Anne wurde als für mich freundschaftskompatibel berechnet.“

„Die App hat Dennis und seine Familie für uns in der Kita ausfindig gemacht.“

Hat das noch Zauber?

Hat das noch diesen kleinen magischen Augenblick des Wenn-ich-nicht-dann-hätt’-ich-nie der besonderen Begegnung, von dem wir in Momenten erzählen, in denen wir glauben, dass es das Leben gut mit uns meinte, indem es uns einen besonderen Menschen – oder gleich eine ganze Sippe – zutrug?

Oder anders (und mir ist bewusst, Dennis, dass ich den ursprünglichen Kontext zerfleddere, aber das Bild ist zu passend, um es nicht für meine Zwecke einzusetzen): Ist es nicht so, dass erst wenn der „Kontrollblick und der Ruf der planenden Vernunft weniger als eine Sekunde vorausgreifen“, die Formen von Begegnung möglich werden, an die wir uns erinnern und von denen wir später erzählen?

Nachdenklich bin ich

Deine / Eure Anne

Leserbrief No. 2

Von: <dxxxxxxxxxxxx@gmail.com>
Gesendet: Samstag, 7. November 2019 23:12
Betreff: Liebe Anne “Brief No. 2”

Liebe Schreibende,

bei mir läuft Musik. Zu laut für eine Unterhaltung. Gerade so laut, dass die Eindringtiefe in das Hirn über das Ohr als angenehme 5 Zentimeter empfunden wird. Das Stammhirn spürt schon Vibrationen, aber keine Melodie. Der ganze Rest drumherum ist also beeinflusst, sozusagen übertönt. Zumindest ist kein Steuermann mehr im Gedankenstrom, der sich so recht durchsetzen kann. Der Kontrollblick und der Ruf der planenden Vernunft greifen nur weniger als eine Sekunde voraus und kaum mehr als ein wenig mehr zurück. Das Fenster wird eng. Nicht schlimm. Dazu ein Computer.

Schrecklich, mir jetzt meine Handschrift vorzustellen. Schrecklich, sich Widerstand zu wünschen (also sich sehen und sich spüren während dieses Schreibens). Das wäre, wie sich selbst in einer peinlich-intimen Situation hinter einem Vorgang verborgen zu beobachten. Ist man erzogen, will man lieber nicht da sein. Dabei ist die Situation natürlich weder dramatisch, noch ausschlaggebend. Die Sache selbst begründet nicht das Schamgefühl. Es hat keinen Anlass in einer irgendwie gearteten entstehenden Heiligkeit des schaffenden Moments. Da ist wenig Erhabenheit. (Die ja auch gar nicht gefordert oder auch nur behauptet wurde von den Briefeschreibenden).

Für mich eher die konsequente Kohärenz der Kleinbedeutendheit des Moments mit der Unwichtigkeit des Schreibers. Das ist nun nicht gut ausgedrückt, weil es – wiederum bei erzogenen Menschen – den Impuls zur Gegenrede oder zum schamhaften Zurücktreten auslösen müsste. Dabei ist es der Moment selbst, der angenehm ist. Der Rest ist Bühne. Ich bin das Vorher und Hinterher, die physische Funktion. Von mir ist wenig in den Lauf der Welt einzubringen. Relevanter ist, dass dieser Moment selbst ist – der einzige Unterschied zwischen Sein und dem Anderen. Insofern will ich mich nicht selbst berühren beim Schreiben von Worten. Keine Handschrift, kein Widerstand, keine Sehen auf die eigenen Finger. Schon tragisch für mich, dass ich in mich reinhorchen muss, um Worte zu finden. Dietrich Bonhoeffer (der sich nicht gegen wenig umsichtiges Zitieren von Bruchstücken wehren kann) schrieb den feinen Satz „Wer lernen will zu dienen, muss zuerst lernen, gering von sich selbst zu denken“ (Quellenangabe bei Bedarf gern). Und das schreibt er aus dem Interesse, das menschliche Antlitz aufzurichten. Dazu der schöne, wenn auch dunkle Satz eines anderen Theologen (Fulbert Steffensky): „Unsere Bedürftigkeit ist unsere Würde“. Soviel nur zu meiner Handschrift, weil die letzten beiden Briefe auch anregten, sich als Leser zu ihnen nicht nur inhaltlich, sondern auch zu ihnen als kommunikativem Ereignis und Vorgang in Beziehung zu setzen.

Die Musik hat übrigens geendet. Das Buch mit den Briefen Bonhoeffers liegt noch da. Der Bildschirm hält das Fenster zu dem Blog noch geöffnet. Eigentlich auch ganz gut, dass jetzt keiner mit mir spricht. Dann haben die entstehenden und entstandenen, die eigenen und fremden Worte eine Chance. Ich muss mal googlen, wie nah sich die Worte „kommunizieren“ und „Kommunion“ bringen lassen. Mach ich jetzt nicht, kann mich auch so freuen, dass „kommunizieren“ vielleicht auch als „sich ereignende Gemeinschaft“ verstanden werden kann, ohne dass dazu (direkter) Austausch notwendiges Kriterium sein muss. So wie „Teilen“ das „gemeinsame Nehmen aus dem Selben“ sein kann, ohne dass die Teilenden notwendig etwas direkt untereinander austauschen müssen. Ich habe mich (und das passt dann doch nicht ganz präzise) zu einem kommunizierenden Teilnehmer gemacht, indem ich etwas aus Euren Briefen, liebe Schreiberinnen, nehme und nicht etwas handschriftlich dazu tue. Insofern ist der Moment des Tastentippens eine durch Euren Blog ins Leben gerufene Teilnahme. Communio ex nihilo. Danke.

Aber weil das eigentlich Schöne an Euren Briefen ist, dass Neues entsteht und dazukommt, werde ich diesen Brief geschrieben haben und hinter dem Vorhang aushalten.

Brief No. 24 – Zufall Mensch

Liebe Anne,

Kakao trinkt er also, der Herr Präsident. Jetzt wissen wir’s. Das finde ich durchaus erstaunlich, habe ich doch neulich erst erlebt, wie ein deutscher Gast in einem amerikanischen Lokal “cold cocoa” zu bestellen versuchte. Er bekam: Ein Glas Coke. Mit Eis.

Wie gern würde ich nun erzählen, dass die Kellnerin die Bestellung in ein digitales Gerät eingetippt hatte, das “cocoa” nicht als Auswahlmöglichkeit anbot. Für einen kurzen Moment war ich versucht, mir diese künstlerische Freiheit zu nehmen und auf diese Weise einen anekdotischen Beweis für Deine These vom spitzen Stift und den gespitzten Ohren zu liefern. Aber so war es einfach nicht. Die Kellnerin hatte ganz klassisch mit Zettel und Stift notiert, was sie gehört zu haben glaubte.

Szenisch:

Im Restaurant irgendwo im Mittleren Westen Amerikas.

Auftritt Kellnerin mit Haaren wie Cindy Lauper.

Kellnerin (zückt Block und Stift, while chewing gum): What would you like to drink?

Deutscher Gast: Äh… cold co-coa, please!

Kellnerin: Is Pepsi okay?

Deutscher Gast: No… äh… cocoa…

Kellnerin: So no Pepsi?

Deutscher Gast: No, I mean cocoa! Like… (wendet sich hilfesuchend seiner neben ihm sitzenden Freundin zu.)

Freundin: Pepsi is fine, thanks!

 

MÖÖÖP! Was ist da passiert? Waren die Ohren der Kellnerin etwa mit Kaugummi verklebt?

Und die der Freundin?

Vermutlich wollte letztere einfach schnell die für alle Beteiligten somehow awkward situation beenden. Es war schließlich schon spät, die Küche des Lokals schloss bald und die fünfköpfige Reisegruppe brauchte dringend etwas zu essen. Da musste der ausgefallene Getränkewunsch des Freundes dem Gemeinwohl untergeordnet werden.

Ob Kaugummi oder unangenehme Situation, die Damen hatten ihre Ohren nicht richtig gespitzt. Wäre das mit spitzem Stift anders gewesen?

Möglich.

Auch ich schreibe gerne mit der Hand. In Vorträgen und Gesprächen hilft mir handschriftliches Mitschreiben beim Zuhören. Seit Kurzem schreibe ich allerdings nicht mehr auf Papier, sondern mit tintenlosem Stift auf einer spiegelglatten Scheibe. Handschrift goes digital. Obwohl… ist das wirklich digital?

Das Schreiben mit der Hand – ob auf Papier oder auf Scheiben – ist etwas völlig anderes als das Tippen auf einer Schreibmaschine oder einem Touchscreen. Ich übertrage das Gehörte in Bewegungen, zeichne geschwungene Linien, beobachte ihre Entstehung und verleihe ihnen die Bedeutung des geschriebenen Worts. Bin eingebunden in Raum und Zeit, als Einheit von Körper und Geist. Wie ein Tanz.

Beim Tippen drücke ich auf einen Knopf und ein ganzer Buchstabe erscheint. Sofort. Es ist eine mechanische Tätigkeit. Ich passe mich der Maschine an, nicht die Maschine sich mir. Genau wie Herr D. es in seinem Leserbrief beschreibt.

Mein elektrifizierter Schreibblock ist da anders. Das einzige, was mir beim Schreiben fehlt, ist der Widerstand des Papiers. Das leichte Kratzen von Feder oder Mine auf der Oberfläche. Das rhythmische Geräusch, die Musik zu meinem Tanz. Sie ist eine andere. Leise macht es “klack, klack, klack”, wenn ich den Stift aufsetze. Die Ballerina wird zur Stepptänzerin.

Während ich schreibe, leuchten die Meldungen sozialer Medien-Apps auf: “Peter K. hat dich in einem Kommentar erwähnt.” – “Katja B. hat seit längerer Zeit etwas getwittert.” – “Amir C. hat einen neuen Job.”

Ich werde über andere informiert. Mit-einander reden, das geschieht in der Tat sehr selten in den sogenannten sozialen Medien.

Und noch etwas fehlt: Das Unerwartete. Das Zufällige. Das, was nur passiert, wenn echte Menschen aufeinander treffen. So wie die Drei aus unserer Restauranszene. Der Algorithmus hätte unserem deutschen Gast den Kakao schon gebracht, bevor er selbst gewusst hätte, dass er ihn will. Jetzt muss er Pepsi trinken. So ist das manchmal auf Reisen. Oder beim Steinesuchen im Wald, wie Herr D. so schön schreibt: Es macht “Lust auf die nächste Zukunft.”

Kommt uns diese Lust abhanden in einer vorausberechneten Welt? Oder entsteht vielmehr eine Sehnsucht nach Überraschendem?

Ich jedenfalls freue mich auf Deinen nächsten Brief, liebe Anne, und bin gespannt, womit Du mich diesmal überraschst!

Alles Liebe
Anne

Brief No. 23 – Spitzer Stift, gespitzte Ohren.

Liebe Anne,

oha. Miteinander reden. Zuhören. Da hast Du aber ein Fass aufgemacht. Mein vom Urlaub noch sandverkrustetes Hirn (jetzt echt mal! Strandsand kriecht einfach überall hin!), dessen herausforderndste Aufgabe in der letzten Woche darin bestand, die Strandmuschel vor den Augen schadenfroh lauernder Kurgäste lässig in den Strandmuschelsack zu falten („Schafft sie es? Schafft sie es?”), muss jetzt erstmal warmlaufen, um Deinen Gedanken würdig zu begegnen.

Wait for it…

Loading…

Still loading…

*Fahrstuhlmusik*

Updating, please wait…

Thank you for your patience!

Jetzt.

(Vielleicht.)

 

Liebe Anne,

oh ja.

Miteinander reden.

Das ist ein großes Thema, tagesaktuell und hochpolitisch, im Kleinen wie im  Großen, und mit erstaunlichen Parallelen auf allen Ebenen!

Da ich mich gerade als Dramaturgin übe, möchte ich das mal szenisch darstellen:

 

Szene 1

Am Frühstückstisch.

Auftritt Kind mit Haaren wie Vogelnest.

Mutter: Guten Morgen, Kind. Kakao?

Kind: Die Lilly hat viel mehr Barbies als ich.

Mutter: Hier, mein Schatz. Reicht Kakao. Ist der Schulranzen gepackt?

Kind: Schlürft Kakao. Ich spare jetzt auf die Meerjungfrauenbarbie mit Leuchtflosse.

Mutter: Prima. Kämm dich noch, bevor du losgehst, ja?

Kind: schlürft Kakao, grunzt Unverständliches.

Mutter: Du musst dich ein bisschen beeilen, es ist schon Viertel vor. Die Bürste liegt auf der Kommode im Flur.

Kind steht widerwillig auf und verlässt die Küche.

Wiederauftritt Kind.

Mutter: Du siehst ja immer noch wüst aus. Du solltest Dich doch kämmen!

Kind: Haste nicht gesacht.

Mutter: Hab ich.

Kind: Und wo ist bitteschön die Bürste? Immer musst du mich so hetzen. Und zu trinken hatte ich auch noch nix.

 

Szene 2

Am Frühstückstisch.

Auftritt Präsident mit perfekt geföhnten Haaren.

Stabschef: Good Morning, Mr. President. Hot Cocoa?

Präsident: Good morning. I am tremendously awesome.

Stabschef: Of course, Sir. Here, enjoy your cocoa.

Präsident: So awesome. Schlürft Kakao.

Stabschef: Certainly, Sir. May I give you your morning briefing?

Präsident: I’m gonna buy Greenland.

Stabschef: Wonderful, Sir. Now, as for Great Britain…

Präsident: I’m gonna grab Greenland by the pussy.

Stabschef: I’m sure, Sir. Yesterday, the Brexiteers…

Präsident: I’m gonna paint Greenland yellow. Just because I can.

Stabschef: Absolutely, Sir. May I now shift your attention to Europe?

Präsident: Europe? Why, is it for sale, too?

 

Die Familienszene ist bis auf leichte Schrammspuren am mütterlichen Nervenkostüm harmlos. Die Präsidentenszene ist es nicht. Satire hin oder her – es ist inzwischen vorstellbar, dass es im Weißen Haus genau so zugeht. Just because he can.

Und dazwischen, in der Kommunikation zwischen Fremden und Freunden, im  alltäglichen Miteinander? Wie Du beobachte ich, dass Menschen zunehmend im Sendemodus herumspazieren. Alle sabbeln, aber kaum einer hat seine Antenne auf Empfang gestellt. Bei Kindern ist das noch entschuldbar: verkürzte Aufmerksamkeitsspanne und allgemeines Morgenmuffeltum oder im ungünstigen Fall beides in Kombination.

Bei Erwachsenen gibt es keine Entschuldigung. Aber es gibt eine Erklärung. Verantwortlich sind die sozialen Medien. Ja, es ist so simpel. Soziale Medien sind nämlich null sozial. Sie sind Plattformen der Selbstinszenierung, die unser Feedbackvermögen auf einen Buttonklick reduzieren. Wir verlieren die Fähigkeit zuzuhören, weil unser Hirn sich daran gewöhnt hat, nur noch Ultrakurzrückmeldungen in Form von Daumen-, Herzchen- oder Smiley-Icons zu verarbeiten.

Alle wollen guten Empfang, aber keiner will zuhören.

Austausch kann man das nicht mehr nennen.

In den sozialen Medien werden wir vielleicht gesehen, wenn wir uns brav algorithmuskonform verhalten, aber wir werden nicht erkannt. Dafür braucht es den persönlichen Kontakt, für den wir uns Zeit nehmen müssen. Einen gemeinsamen Kaffee, zum Beispiel. Oder einen Brief.

Am Sonntag haben wir unseren ersten Leserbrief auf liebe-anne.de erhalten. Auf unseren Leserbriefschreiber, Herrn D. aus D., wirkt das Briefeschreiben wie eine „Lüftung von unerwarteter Seite“. Herr D., Hut ab! Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, und zwar in mehrfacher Hinsicht:

In Ermangelung eines eigenen Büros bin ich heute im Baumarktcafé, um zu schreiben. Bereits auf der Radtour hierher wehte mir ein herbstkühles Lüftchen um Nase und Gedanken. Nun sitze ich hier neben einem Stapel Europaletten sowie festkochenden Kartoffeln im Tagesangebot, derweil Tiernahrung, Webergrills, Haustüren, Palmen und Holzzuschnitt an mir vorbeigeschoben werden, was die Ideen auf ganz neue Weise anschaukelt. Das Baumarktpersonal guckt freundlich bis irritiert. Hier sitzt man nicht, um zu schreiben. Hier verschnauft man kurz mit vier Säcken Spachtelmasse und neun Fliesenpaketen auf der Sackkarre, um alles kurz darauf in den Kombi zu hieven und das Gästebad komplett in Eigenregie zu renovieren. Vielleicht hält man mich für einen Spion – wie aufregend! Wie erfrischend!

Und dann ist da natürlich mein Füller. Ich habe ihn mir kürzlich genau für solche Gelegenheiten wie diese gekauft. Ich schreibe meine Texte häufig händisch vor. Kein Kabel behindert meinen Radius. Mein Mann nennt dieses altertümliche Schreiben auf Papier „Denken mit dem Stift“, was dem durchdigitalisierten „Homunculus“ in seiner verzerrt-demütigen Haltung vor einem seiner zahlreichen Gadgets ein willkommenes Gegenbild ist.

Und so schreibe ich und denke dabei an Dich, wie Du gerade auf dem Weg bist nach Bayern zu einem Termin, und ich überlege, ob Du wohl mit dem Zug gefahren bist, und ich frage mich, ob Du diesen Brief wohl heute noch lesen wirst. Und ich bin gespannt auf Deine Antwort, denn jetzt, genau in diesem Moment, „ist das Lauschen schon wichtiger geworden“, wie Herr D. es so schön beschreibt. Meine Gedanken sind auf den Weg gebracht. Ich freue mich schon sehr auf Deine!

Eine hinreichende Antwort, wie wir unser politisches System zum besseren diskursiven Miteinander bewegen können, kann ich abschließend leider nicht geben. Wer jedoch im Kleinen bei sich anfangen möchte gegenzusteuern, dem sage ich voll Überzeugung: Spitz den Stift, es spitzt die Ohren.

Alles Liebe

Anne

Leserbrief No. 1

Von: <dxxxxxxxxxxxx@gmail.com>
Gesendet: Samstag, 21. September 2019 22:47
Betreff: Liebe Anne “Ein Brief”

Nachrichtentext:

Sehr geehrte Damen,

wie fängt man an, wenn man nicht stören will?

Durch Parallelspiel, wie es im Kindergarten heißt? In etwas Abstand das Gesehene und Gehörte kopieren und versuchen, sich zu parallelisieren? Als sei man dabei? Oder abwarten in einer ruhigen Ecke? Durch rhetorische und halboffene Fragen? Vielleicht zuerst lauschend. Auf die Stimmen, die von Kaffee und Tauben erzählen. Eigentlich ganz sacht. Dabei fand ich darin Furor, nachdem ich seine Spur an anderer Stelle aufnehmen konnte. Bei Merkel und Macron beispielsweise.

Ich stelle mir vor, wie das Briefeschreiben aussieht. Digital und damit den Körper formend. Kopf, Finger, Tasten. Nicht in gerader Linie, sondern auf einen Bildschirm hin optimiert. Das immerhin ist etwas, das mich ärgert: Die Digitalität verformt meinen Körper. Die Anschlusskabel müssen zu Steckdosen, die mich – auf Knöchelhöhe angebracht – zu einem Homunculus verbiegen. Die transportablen Beamer wohnen auf Rollwagen, die mich einen Rollatorengang imitieren lassen, in Form und Geschwindigkeit. Die Kabel begrenzen meinen Aktionsradius wie Hundeleinen. Und zuletzt die Basiselemente der kosmischen Weltordnung. Sagen wir: Die Herbstsonne. Der Bildschirm zwingt mich, eine Seite wählen zu müssen: Für offene Fenster und natürliches Licht oder das Anrennen dagegen. Aus Sicht des Bildschirms ist die Welt Quasimodo.

Dabei lesen sich die Briefe ganz leicht. Eher stehend oder spazierend geschrieben. Und zugewandt. Aber auch etwas zu intim, um stören zu wollen. Also lieber kein Räuspern. Und wer so schreibt, ist durch ein gewinnendes Lächeln aus dem Off erst recht nicht zu beeindrucken. Zuhören und Weiterlesen? Ein vertrautes Flüstern. Gesprenkelt mit diesen leicht glucksend-kichernden Lauten, die nur einander schon gekannt Habende anstimmen können. Liest sich, also könnte die Fertigkeit des Briefeschreibens erhebend wirken. Und erfrischend. Es wird ein bisschen weiter, der Raum. Lüftung von unerwarteter Seite. So wie ich jüngst in einem Steinbruch war und Spuren aus dem Trias suchte. Oder der Kreidezeit. Weiß nicht mehr. Mit der Zeit verschob sich da diese Freude vom Stein in den Händen auf den nächsten, der noch irgendwo am Boden lag. Kennen bestimmt viele von klein an: dass so ein Suchspiel nagende Lust auf die nächste Zukunft gebiert. Dass irgendwann (nach Minuten) selbst das Hochheben des nächsten Steins fast schon eine bedrückende Störung ist. Erledigt und überwunden werden will. Weil es Zeit kostest, bevor der nächste Brocken gefunden und untersucht werden kann. Es reißt einen voraus, denn es wird Aufregendes kommen.

Wenn es gelingt, ist das Schreiben einer Nachricht also eher die eigene Vorbereitung und das Erwarten einer Antwort. Das immerhin bleibt losgelöst von der ungesunden Sitzhaltung und den etwas plump auf der Tischkante ablegten Armen: Dass jeder Satz auch eine Erwartung beginnen lässt, die auf den Moment der Antwort zielt. Ein bisschen Ent-Bindung. Wie der Stein, den man in einen Brunnen wirft. Während er fällt, ist das Lauschen schon wichtiger geworden. Was gleicht kommt, hat die Oberhand gewonnen.

Mit Tassen geht das sicher auch.

Es grüßt voller Hochachtung

D.

 

Brief No. 22 – Miteinander reden

Liebe Anne,

die bewegenden Bilder vom Treffen Merkels und Macrons Ende 2018 in Compiègne scheinen ein halbes Jahr später fast schon vergessen. Ist die Szene noch glaubhaft, nachdem der deutsch-französische Schulterschluss sich jüngst in einem arhythmischen Tanz aufzulösen scheint? War es doch nur mediale Inszenierung? Mich hat die Innigkeit zwischen den beiden damals ähnlich berührt wie Dich. Und so besteht auch nach einer viel zu langen Briefpause eine unmittelbare Verbindung zwischen Deinem letzten und meinem jetzigen Brief.

Wir leben in einer global vernetzten Welt, können in lächerlich kurzer Zeit den Globus umrunden, sind virtuell permanent miteinander verbunden. Und doch scheinen mir die Grenzen zwischen Staaten und Kulturen, zwischen sozialen Schichten und politischen Positionen, Menschen hier und Menschen dort, immer massiver, solider, unverrückbarer zu werden.

Viel zu oft ist das, was wir „Gespräch“, „Diskussion“ oder „Debatte“ nennen, nichts weiter als ein verbaler Schlagabtausch, der die Beteiligten in ihren bestehenden Positionen bestärkt, statt echten Kontakt, Annäherung, Verhandlung oder gar Versöhnung zu ermöglichen.

In düsteren Momenten glaube ich, dass wir nicht einmal mehr den Unterschied sehen. Wir halten einander Referate und glauben, miteinander zu reden. Wir warten ab, bis unser Empfangsbehälter a.k.a. „Gesprächspartner“ zu Ende gesprochen hat, statt ernsthaft zuzuhören und das Gesagte zu verstehen, zu verarbeiten und weiterzudenken.

Was braucht es, um diesem Muster zu entkommen? Wie sehr taugt unser politisches System (noch) zum diskursiven Miteinander? Wie können wir Technologie nutzen, um echten gesellschaftlichen Fortschritt zu erzielen, statt bestehende Grenzen algorithmisch zu untermauern und Grauzonen abzuschaffen?

Braucht es erst eine Krise oder gar Kriege wie die zwischen Deutschland und Frankreich, um als Menschheit den nächsten Entwicklungsschritt zu tun? Wie lange wird es dauern, bis wir so innig verbunden sind wie Macron und Merkel für wenige Sekunden in Compiègne?

Nachdenklich grüßt Dich
Deine Anne

Brief No. 21 – Über Merkel und Macron in Compiègne.

Liebe Anne,

sie stehen Schulter an Schulter, einander zugewandt, und halten sich an den Händen.

Sie sieht ihn an.

Er neigt seinen Kopf zu ihr.

Sie legt ihre Stirn an seine Schläfe.

Ihre Augen sind geschlossen.

Sie lächelt.

Dann lösen sie sich voneinander, es passiert recht schnell.

Sie treten einen kleinen Schritt zur Seite.

Er versucht, die entstandene Lücke zwischen ihnen zu überbrücken und hält noch kurz ihren Arm.

Dann lässt er los.

Ich habe gerade das Nudelwasser aufgesetzt, als ich diese Szene sehe. Es ist kurz nach acht Uhr am Abend. Schnell greife ich zum Laptop. Das Internet funktioniert nicht. Ich versuche es wieder: keine Verbindung. Ich werde mich gedulden müssen. Die nächsten Nachrichten gibt es in knapp zwei Stunden.

Mein Warten wird belohnt. Das ZDF zeigt die gleichen Bilder. Und das Internet funktioniert wieder. In der Mediathek lasse ich die Szene noch einmal Revue passieren.

„Was machst Du da?“, fragt mein Mann, der gerade nach Hause kommt.

Ich zeige ihm das Video.

Merkel und Macron in Compiègne.

Merkel und Macron, vertraut.

Ich bin seltsam berührt.

Wir gehen schlafen.

Am nächsten Morgen schaue ich den Clip vor dem Frühstück noch einmal an.

„Du kommst ja gar nicht drüber hinweg!“, scherzt der Gatte mit einem Blick über meine Schulter und holt die Brötchen aus dem Ofen. „Was fasziniert dich daran so?“

Meine Antwort kommt spontan: „Die Ehrlichkeit. Das ist nicht inszeniert.“

„Zeig noch mal.“

Macron, wie er sich ihr zuneigt.

Merkels Blick, fast zärtlich.

Das ist herzerfrischend neu.

Auf der Weltbühne inszenieren Politiker heute regelmäßig Drohkulissen und spielen mit der Angst ihrer Wähler. Sie verfolgen Andersdenkende, setzen sich „first“ und säen Dissens. Bei Staatsbesuchen schüttelt man sich steif die Hand, bekundet den gemeinsamen Gestaltungswillen und will dann doch nicht von seinen Positionen lassen. Nationalismus und Partikularismus erfreuen sich immer größeren Zulaufs. Die Rhetorik wird zunehmend aggressiver. Und die Medien? Ach, die Medien. Allesamt „fake“.

Merkel und Macron zeigen das genaue Gegenteil dieses Spaltungsstrebens: Zusammenhalt und Mitgefühl. Sie fühlen mit allen, die vor 100 Jahren Furchtbares erlitten, als Freunde, die vor 100 Jahren bittere Feinde waren.

Und zwar nicht, weil das Protokoll es erfordert.

Nicht, weil man das zu einem Gedenktag eben so macht oder weil 70 Länderchefs und die Welt zusehen.

Ihre Verbundenheit ist echt.

Nur zwei Sekunden später trennen sie sich. Sind sie selbst überrascht von ihrer Offenheit? Merkel distanziert sich nicht nur von Macron, sondern auch von sich als Privatperson, die sie für einen kurzen Moment hat durchscheinen lassen, und ist wieder ganz Kanzlerin: professionell, kontrolliert. Das gleiche gilt für Macron. Indem er versucht, die körperliche Verbindung durch das Halten ihres Arms noch etwas aufrechtzuerhalten, verlängert er den gemeinsamen Moment ein wenig und lässt gleichzeitig den Übergang von Privatperson zu Staatsmann fließender erscheinen. Dann lässt er los. Was folgt, ist Verhalten gemäß Staatsprotokoll.

Nach dem Frühstück reise ich in das Jahr 1984, als Frédéric de la Mure seine berühmte Aufnahme von Kanzler Kohl und Präsident Mitterand während des Gedenktags anlässlich der Landung der Alliierten in der Normandie im 2. Weltkrieg machte. Die beiden Staatsmänner stehen in Verdun Seite an Seite, zwischen ihnen zwei Fuß Distanz. Die Blicke sind geradeaus gerichtet. Kohls rechte und Mitterands linke Hand sind miteinander verbunden. Ihr Handschlag und das folgende Halten der Hände werden gemeinhin als eine spontane Geste interpretiert, die von beiden initiiert wurde.

Im Video, das diesen historischen Moment festhält, erkennt man, dass Kohl versucht, Augenkontakt herzustellen, aber Mitterand wendet seinen Blick nicht vom Sarg und den Kränzen ab. Der Griff ihrer Hände ist fest und spiegelt Entschlossenheit: “Wir werden das hinbekommen”, scheint er zu sagen. Die Verbindung ist formell. Abgesehen von der Anerkennung der Ernsthaftigkeit der Situation verraten die Augen der beiden Staatmänner nicht viel. Der Gedenktag ist Staatsangelegenheit und die Grenze zum Persönlichen wird nicht aufgebrochen.

Die Feierlichkeiten zum Kriegsende am letzten Wochenende haben gezeigt, wie weit Frankreich und Deutschland seitdem gekommen sind. Nicht alles ist gut in der Welt, aber die Hoffnung ist nicht verloren. Die europäische Idee hat Europa die längste Friedensperiode seiner Geschichte beschert.

Wir müssen uns dafür einsetzen, dass das so bleibt.

Alle Liebe

Deine Anne

Brief No. 20 – Den Vogel abgeschossen…

… hast Du mit Deinem letzten Brief, liebe Anne!

Ich habe laut gelacht und dabei beinahe die bereits den ganzen Sommer durchzwitschernden Vögel im Busch der Nachbarin übertönt.

Auch ich habe ein Vögel Vogelproblem. Die Buschbewohner hielt ich bisher für Spatzen, aber nachdem ich von Dir erfahren habe, dass diese Spezies/Gattung/Art/Familie selten geworden ist, bin ich mir unsicher. Sind Spatzen dasselbe wie Haussperlinge? Der Busch im Erdgeschoss klingt jedenfalls ziemlich genau so.

Auf der Balkonbrüstung ist es die Amsel, die uns täglich besucht und fröhlich zwitschernd aufs Geländer scheißt. Das dulden wir duldsam, weil wir sie einfach so nett finden und uns einbilden, dass das auf Gegenseitigkeit beruht. Schließlich kommt sie tatsächlich jeden Tag. In Wirklichkeit schätzt sie wahrscheinlich einfach nur die Akustik und das Echo, das sich von unserem Balkon aus so wunderbar erzeugen lässt.

Tauben gibt es bei uns nicht.

Ich bin gespannt auf Deinen nächsten Brief, liebe Anne. Wird es wieder um Vögel gehen? Oder Freiheit? Oder Erfolg? Vielleicht auch Wirksamkeit?

Viele Grüße in die philosophische Küche,

Deine Anne

 

Brief No. 19 – Warum ich mich für den Spatz entscheide.

Liebe Anne,

Die. Taube. Auf. Dem. Dach.

Da schon wieder!

“HuhuuuHU!”

Diese VIECHER!

Dass die als Friedenssymbol herhalten müssen, obwohl sie mich jeden Morgen ab 5 mit ihrem Gegurre um meinen wohlverdienten Schlaf bringen, ist mir vollkommen rätselhaft.

Mit hängenden Lidern schleppe ich mich dann auf den vollgekackten Balkon und denke: “KRIEG!” Es bleibt beim In-die-Hände-klatschen, die Vögel verziehen sich auf des Nachbars Regenrinne, gucken dämlich und sind ja doch in 5 Minuten wieder da.

Neulich hielt ein Taubenpärchen es für eine gute Idee, bei uns Dauerquartier zu beziehen. “Hier ist es schön, hier bleiben wir”, schienen sie befunden zu haben. “Diese klatschende Trulla nervt zwar ein bisschen, aber die Aussicht ist Bombe.” Fleißig trugen sie Geäst heran. Zum Glück merkte ich es frühzeitig. Ich räumte alles wieder ab. Sie brachten weitere Zweige. Ich räumte alles wieder ab.

Unbeirrt machten sie weiter.

Ich auch.

Ich kürze ab: Irgendwann kapierten sie es und suchten sich einen anderen Nistplatz. Ich gewann das Match.

Die Tauben kommen weiterhin. Ich bilde mir ein, ihr Gegurre ist nach dem Vorfall noch penetranter als früher, und mehr geschietert wird auch (falls das überhaupt möglich ist).

Also entscheide ich mich für den Spatz in der Hand.

Ist ja auch niedlich, so ein kleiner Spatz. Außerdem lese ich, dass seine Art bedroht ist. Er ist quasi auf dem absteigenden Ast. Ich nehme an, es liegt an den Kanonen, mit denen auf ihn geschossen wird.

Unverantwortlich!

Leute, lasst die Spatzen in Ruhe!

Nehmt Euch lieber die Tauben vor!

“HuhuuuHU!”

Schon wieder!

Ich bin dann mal auf dem Balkon.

Deine Anne

P.S.: Das intellektuelle Niveau dieses Briefs wird Deinem Brief nicht gerecht. Dafür entschuldige ich mich. Ich bin einfach nur so MÜDE! Ich liefere nach, wenn ich ausgeschlafen habe.

🙂

Brief No. 18 – Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen

Liebe Anne,

in der Tat, das haben sie gut gemacht, die Werber. Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen. Für alles andere…

Doch auch die “Dinge”, die man nicht kaufen kann, haben ihren Preis. Sogar die Freiheit selbst. Der Preis der materiellen oder äußeren Freiheit ist nicht selten die immaterielle oder innere Unfreiheit. Mit eigenem Reihenhäuschen samt Carport und Markise bin ich frei von monatlichen Mietzahlungen. Doch die innere Hürde, mehrere Monate im Camper die Welt zu entdecken, steigt.

Ist der Preis der inneren Freiheit dann die materielle Unfreiheit? Diese Sicht scheint mir in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Als ich mich selbständig gemacht habe, bin ich häufig dieser Sichtweise begegnet. Einen gut bezahlten Job zu kündigen, um eine Selbständigkeit mit ungewissen Erfolgsaussichten aufzubauen, ist in den Augen vieler unvernüftig.

Doch wer fängt die Taube, wenn wir alle Spatzen jagen? Die innere Freiheit von vermeintlichen materiellen Zwängen kann die Chance auf die Steigerung der materiellen Freiheit erhöhen. Der Preis dieser Chance ist das Risiko, alles zu verlieren.

Leichter ist es, solche Risiken aus einer Situation materieller Sicherheit heraus einzugehen. Und so ist es, wie Du schreibst: Freiheit und Sicherheit bedingen sich gegenseitig.

Liebe Anne, ich könnte noch Stunden über dieses Spannungsverhältnis philosophieren. Der Entwurf für diesen Brief liegt schon seit Monaten herum. Ich dachte, da fehlt noch was, da kommt noch was, das ist es noch nicht. Und wenn schon? Das Risiko gehe ich ein!

Alles Liebe,
Deine Anne