Kategorie: Gesellschaft

Brief No. 16 – Loslassen

Liebe Anne,

nachdem ich die letzten Wochen nicht dazu gekommen bin, Dir zu antworten, fällt es mir nun schwer, den Faden wieder aufzunehmen. Unsere ersten 15 Briefe waren wie ein Rausch. Deine Briefe lösten immer gleich etwas aus in mir, einen Gedanken, ein Gefühl, eine Idee. Gedanken, die raus wollten, die verbalisiert werden wollten. Schnellstmöglich habe ich Dir geantwortet und war ab da immer gespannt, wann und wie Du wiederum auf meinen Brief reagierst.

Dieser Flow ist nun unterbrochen. Ein bisschen aufgewärmt fühlt es sich an, wenn ich Deinen letzten Brief erneut lese und versuche, kluge Antworten auf Deine klugen Fragen zu finden. Ein bisschen so, wie wenn man versucht, die einzigartige Stimmung einer einmaligen Feier zu reproduzieren, indem man dieselben Leute zur selben Zeit im Jahr an denselben Ort einlädt. Doch die Stimmung von damals lässt sich nicht reproduzieren. Sie ist und bleibt einmalig.

Also habe ich beschlossen, gar nicht erst zu versuchen, den Flow aus unseren ersten Briefen wieder aufleben zu lassen. Weil er nur dann eine Chance hat, wieder oder neu zu entstehen. Erst wenn wir uns vom Idealbild lösen, hat das Abbild eine Chance, gut zu werden. Weil es dann kein Abbild mehr ist. Weil es dann etwas eigenes ist.

Wenn wir (Frauen) uns in (vermeintlichen) Gegensätzen beschreiben, wie Du es in Deinem letzten Brief beobachtet hast, dann scheint mir da viel Orientierung an Idealbildern zu herrschen. Wir wollen die ideale Mutter UND die ideale Karrierefrau sein. Wir wollen Luxus UND erhebende Entbehrung. Und halten das dann für individuell oder gar unkonventionell. Dabei ist es nur ein Potpourri konventioneller Idealbilder. Mächtiger Idealbilder, die uns gefangen halten in bestehenden Rollen und Klischees. Viele von uns beherrschen mehrere dieser Rollen und den permanenten Wechsel zwischen ihnen in Perfektion. Aber ist das wirklich ein Fortschritt?

Wenn ich ein Wort wählen müsste, wäre es wahrscheinlich Freiheit.

Wenn andere ein Wort für mich wählen müssen, sagen sie gelegentlich “unkonventionell”. Das gefällt mir. Und doch überrascht es mit mich jedes Mal, wenn es passiert. Dann frage ich mich, was an mir denn so unkonventionell ist.

Ich trage ziemlich gewöhnliche Kleidung, habe seit Jahren dieselbe unauffällige Frisur und lebe in einer äußerst konventionellen Wohnung mit geradezu erschreckend vielen rechten Winkeln. Ich schaue bis heute lineares Fernsehen – deshalb ärgere ich mich Sonntags immer noch, wenn Polizeiruf statt Tatort kommt, während andere sich längst vom Diktat der öffentlichen und privaten Fernsehanstalten befreit haben und stattdessen zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit das schauen, was sie gemäß Algorithmus von Netflix und Co. wirklich schauen wollen. Aber wenn ich in einem Seminar am Spiel “Wir lernen uns kennen, indem wir Hypothesen übereinander aufstellen” teilnehme – dann sagen die Leute, ich sei vermutlich “unkonventionell”.

Ich nehme das als Kompliment. Und verstehe es so, dass man mir zutraut, Bestehendes zu hinterfragen. Konventionelle Idealbilder loszulassen. Frei zu sein. Das macht mich glücklich. Auch wenn ich weiß, dass ich in den allermeisten meiner alltäglichen Enscheidungen äußerst konventionell handle.

Liebe Anne, dieser Brief ist jetzt überraschend persönlich geworden. Das passiert schonmal, wenn dann plötzlich der Flow da ist. Ich freue mich auf Deine Antwort.

Deine Anne

Brief No. 15 – Wer sind wir, wenn wir alles sind?

Liebe Anne,

mit großem Bedauern habe ich vom Ableben Eures Staubsaugroboters erfahren. Wie nur konnte er die Treppenstufe übersehen? Soll ich Dir für die nächsten Tage meinen Staubsauger leihen? Dem ist hier total langweilig. Nicht ausgelastet. Der Arme.

Deine Argumentation, dass wir über unseren Individualismus verlernen, Kompromisse zu schließen, finde ich sehr überzeugend. Schließlich sind wir alle heute etwas GANZ BESONDERES und deswegen haben wir auch ganz besonders Recht. Warum man deswegen so im Internet rumschreien muss, ist mir allerdings ein Rätsel. Aber wenn es eine Schwarmintelligenz gibt, gibt es vielleicht auch das Gegenstück dazu. Und wie nennen wir dieses Gegenstück nun politisch korrekt? Fällt Dir was ein?

Die 200 Frauen gucke ich mir gerne mit Dir an, zumal, wenn es dazu Scones gibt! Sich mit einem Wort zu beschreiben, wie es ihre Aufgabe war, finde ich aber ganz schön schwierig. Im Moment würde ich „hungrig“ sagen, aber ich glaube, das verfehlt vermutlich die Aufgabenstellung. „Suchend“ vielleicht, und das nicht, weil ich heute morgen meine Hose nicht gefunden habe.

Ist Dir mal aufgefallen, dass Frauen sich und ihre Vorlieben oft in Gegensätzen beschreiben, wenn mehr als ein Wort erlaubt ist? „Ich mag den Luxus eines schönen Spa-Hotels, aber ich gehe auch echt gerne campen.“ Oder „Mein Stil? Ich mixe handverlesene It-Pieces mit Vintage-Teilen vom Flohmarkt.“ Oder „Die Karriere ist mir megawichtig, aber irgendwann will ich auch Kinder.“ (Tic toc.)

Ist das individuell? Ist das unentschieden? Oder ist das angepasst? Denn so eckt Frau nie an. Man stelle sich vor, sie würde sagen: „Dolce, ich trage Dolce und sonst nichts!“ Dann ist sie sofort ein Luxusweibchen. Wenn sie sagt: „Meine Klamotten sind alle vom Flohmarkt“, befürchte ich gerümpfte Nasen bei einigen Geschlechtsgenossinnen. Mit dem Spruch „Ich will das dicke Geld verdienen“ ist sie die seelenlose Karrierefrau. Wenn sie sich allerdings um Kinder und Heim kümmert, vergammelt ihr Diplom gerahmt über der Wickelkommode.

Wollen wir alles sein, weil wir abschätzige Bewertungen befürchten?

Sind unsere Dualismen vorauseilender Gehorsam gegenüber den Erwartungen anderer?

Können wir uns tatsächlich nicht entscheiden?

Was ist man, wenn man alles ist?

Für heute befinde ich, dass mein Wort „schaffend“ sein soll. Nicht, weil ich besonders viel wegschaffen würde, nein, nein, leider. „Schaffend“ meine ich im kreierenden, realisierenden Sinn. Ich hoffe, mit diesem Brief einen kleinen Schritt in diese Richtung getan zu haben.

Welches Wort wählst Du?

Alles Liebe

Deine Anne

Brief No. 14 – Zweihundert nuancierte Geschichten

Liebe Anne,

vierzehn Briefe in dreiundzwanzig Tagen… Wow! Wo soll das noch hinführen? Hm, mal sehen, denke ich mir, und zucke vergnügt mit den Schultern… 🙂

Über Deinen letzten Brief habe ich mich sehr gefreut, denn er hat mich ebenfalls zum Nachdenken gebracht. Auf den ersten Blick scheint es ein Widerspruch, dass wir einerseits so oft in Gegensätzen und Entweder-Oder-Entscheidungen denken (in der Politik, im Privaten, im Beruf), andererseits aber als Konsumenten von Wahlmöglichkeiten überschüttet und nicht selten überfordert werden.

Müsli ist ein gutes Stichwort. Frühstück überhaupt. Auswahl am frühen Morgen? Nein, Danke! Ich bekomme regelmäßig schlechte Laune, wenn ich aushäusig übernachte und morgens vor unzähligen Teesorten stehe (Ingwer-Zitrone, Melone-Holunder, Rooibos-Vanille – wer trinkt heute noch Rooibos-Vanille?!?), aber weit und breit kein stinknormaler, nicht aromatisierter schwarzer Frühstückstee zu sehen ist. Und jetzt komm mir nicht mit Darjeeling! Darjeeling wird nur wegen seines aristokratisch-wohlklingenden Namens angeboten. Wahrscheinlich ist Rooibos deshalb auch noch im Sortiment. Wobei das weniger aristokratisch klingt. Darjeeling und Earl Grey sind super! Nachmittags zum Kuchen oder Scone. Am frühen Morgen hätte ich gerne eine möglichst unauffällige, aber im besten Fall starke Ceylon-Assam-Mischung. Ich glaube, das nennt sich “English Breakfast Tea”. So ein Zufall! Beim Wachwerden will ich weder Entscheidungen treffen noch meine Geschmacksknospen trainieren. Im Wesentlichen will ich einfach nur hier sitzen und eine Tasse Tee trinken. Schließlich gibt es im weiteren Tagesverlauf genug herausfordernde Fragestellungen zu beackern und Stolpersteine zu umschiffen, die weitreichendere Konsequenzen haben als die Wahl meines Frühstückstees.

So gesehen erscheint es wenig verwunderlich, dass wir in den wichtigen Dingen nur noch schwarz-weiß denken, wenn wir unser Hirn schon zu 90% mit alltäglichen Konsumentscheidungen auslasten. Aber auch wenn sie mich morgens beim Frühstück quälen, sind diese Konsumentscheidungen, wie Du schreibst, natürlich viel ungefährlicher als die großen Fragen der Politik und des Lebens. Vielleicht sind wir von personalisierten Angeboten auch so verwöhnt, dass wir den Anspruch auf 100% Individualismus auf das Politische übertragen. Haben wir verlernt, miteinander zu verhandeln? Verlernt, um gute Lösungen zu ringen, die für die gesamte Gesellschaft tragbar sind? Betreiben wir politisches Cherry- bzw. Cranberry-Picking, wenn wir Koalitionsverträge als faule Kompromisse abtun, weil unsere Alltagserfahrung uns suggeriert, dass eine Wahl nur dann gut ist, wenn sie zu 100% unseren individuellen Wünschen entspricht? Die Welt ist bunt, und deshalb braucht sie bunte Lösungen, die aus einem Dialog von nuancierten Geschichten entstehen.

Zweihundert nuancierte Geschichten gibt es in einem wunderbaren Buch zu lesen und zu sehen, das ich neulich von zwei Freundinnen geschenkt bekommen habe. An dieses Buch musste ich denken, liebe Anne, als ich Deinen letzten Brief gelesen habe.

Es erzählt in Wort und Bild die Geschichten von zweihundert Frauen aus aller Welt, die Großes und Kleines bewegt haben, manche prominent, andere nicht. Zweihundert ausdrucksstarke Portraitfotos werden von ebenso ausdrucksstarken Antworten auf fünf wiederkehrende Fragen über Ziele, Wünsche, Träume und die Welt begleitet. Meine Lieblingsfrage: Wählen Sie ein Wort, das Sie beschreibt. Allein die Antworten auf diese letzte Interviewfrage zeigen, wie vielfältig das Leben und Erleben von Frauen auf dieser Welt ist. Keine einzige antwortet mit “Frau” oder “weiblich”. Auch nicht mit “Mutter”. Das Buch ist damit für mich auch ein Gegenentwurf zu den eintönigen Tassenbildern, über die wir uns noch vor einigen Tagen gemeinsam empört haben.

Liebe Anne, kennst Du dieses Buch oder das gleichnamige Projekt? Wenn nicht, müssen wir bei einem unserer nächsten Treffen unbedingt gemeinsam reinschmökern. Und wenn doch, dann auch. Vielleicht bei einer schönen Tasse Earl Grey. Und einem Scone!

Ich freue mich auf Deinen nächsten Brief.

Deine Anne

P.S. Über Twitter erreichte mich noch eine Serienempfehlung bzw. -warnung: Black Mirror. Das ist eine Reihe dystopischer Kurzgeschichten. Sehr gut und teilweise sehr schwer verdaulich.

Brief No. 12 – Gefangen im Entweder-Oder

Liebe Anne,

aber natürlich haben wir einen Staubsaugerroboter! Seit Jahren! Wenn Du wüsstest, was wir sonst noch alles haben… Es würde mich nicht wundern, wenn nächstes Jahr zu Weihnachten Sophia einzöge. Aber da streike ich. Das geht zu weit! Entschuldige, dass ich Dir am Mittwoch einen Bericht über die neuesten Haushalts-Gadgets schuldig geblieben bin. Da hatten wir wohl wichtigere Themen zu besprechen 🙂

Gerade bin ich auf diesen Artikel im Tages-Anzeiger gestoßen: Eine Rezension des neuen Buchs Die große Gereiztheit von Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, in dem er zu erklären versucht, wie oder weshalb Shitstorms entstehen. Unter anderem sei dies auf die unmittelbare mediale Nachbarschaft unterschiedlicher Meinungen zurückzuführen, die andauernd Kollisionen und Konflikte erzeuge.

Die unmittelbare Nachbarschaft von Meinungen erzeugt Konflikte. Das scheint mir erst einmal ganz natürlich zu sein. Seltsam erscheint mir die Art, wie wir im Netz und anderswo mit diesen Konflikten umgehen. Die einzig bekannte Konfliktlösungsstrategie scheint der Kampf zu sein, der erst dann endet, wenn es einen eindeutigen Gewinner und einen eindeutigen Verlierer gibt. Wenn der Shitstorm sein Opfer zu Tode getrampelt hat. Wenn eine endgültige Entscheidung getroffen wurde zwischen Position A und Position B.

Wie zur Bestätigung der These werde ich am Ende des Artikels gefragt:

Lesenswert oder nicht? Entweder-Oder. Entscheide Dich! Oder willst Du nachfolgenden Lesern etwa zumuten, sich selbst ein Urteil zu bilden? Ja oder Nein? Null oder Eins? Kind oder Karriere? Schokolade oder Vanille? Freizügigkeit oder Obergrenze? Wohlstand oder Selbstverwirklichung? Daumen hoch oder runter? GroKo oder AfD? Raute oder Tasse? Lasst uns abstimmen. Du musst Dich entscheiden. Jetzt!

Wo sind die Grautöne geblieben?, frage ich mich da. Wann und wie haben wir verlernt, Nuancen zu sehen? Das Wort “Digitalisierung” bekommt so noch eine ganz andere Bedeutung: Die Einteilung der Welt in Entweder-Oder. Dabei liegen die guten Lösungen meist irgendwo dazwischen.

Zeit für die Grübelpose…

Deine Anne

Brief No. 10 – Digitalisierung: Eine Reading-List

Liebe Anne,

kennst Du Idiocracy? Das ist ein etwas überdrehter Film über eine vollkommen verblödete Gesellschaft im Jahre 2505. Wenn ich Deine Verdummungstipps so lese, brauchen wir vielleicht gar nicht so lange, bis wir diesen Zustand erreichen. Vieles davon setzt ein Großteil unserer Gesellschaft bereits sehr beflissen um. Ich auch. Zum Teil.

Wenn ich mir vorstelle, dass ich Deinen Brief in meiner Twitter-Community teile, spüre ich Gegenwind. Digitalisierung wird unter Menschen, die Wandel in Unternehmen und Wirtschaft vorantreiben, überwiegend positiv gesehen. Und wenn nicht positiv, dann als unausweichlich. Diese Sicht vertrete ich auch. Der technische Fortschritt wird sich nicht zurückdrehen lassen. Und das hielte ich auch für wenig erstrebenswert. Ich schätze es, dass ich mit meiner Buchhaltungssoftware meine Kontobewegungen den passenden Belegen zuordnen und die erforderlichen Daten direkt ans Finanzamt übermitteln kann. Mir gefällt es, dass ich dank Staubsaugerroboter sehr viel seltener als früher gründlich durchsaugen muss. Und über Twitter habe ich in den letzten Jahren viele bereichernde Kontakte geknüpft und Inhalte entdeckt.

Doch Dein letzter Brief hat mir einmal mehr die Kehrseite dieser Möglichkeiten vor Augen geführt. Nicht alles, was sich Digitalisierung nennt, ist auch ein echter Fortschritt im Sinne des Menschen. Was wir brauchen, ist “reflektierter Fortschritt”, wie Ranga Yogeshwar es in Nächste Ausfahrt Zukunft schreibt. Weder naiver Fortschrittsglaube noch aktionistische staatliche Reglementierung werden uns vor einer Dystopie wie sie in The Circle beschrieben wird, bewahren. Ich habe z.B. große Zweifel daran, dass die Europäische Cookie-Richtlinie wirklich zum Schutz von Nutzerdaten oder zu einem bewussteren Umgang mit ihnen geführt hat. Irgendwann kaufe ich noch aus Versehen ein E-Book über die 5 sicheren Wege zum Millionenumsatz als Life-Coach, in der Annahme, dass ich gerade das übliche Cookie-Pop-up wegklicke.

Reflexion ist also der Schlüssel, wie wir uns davor bewahren, in unser eigenes Verderben zu rennen. Zu dieser Reflexion können gerade die Geisteswissenschaften, die Kunst, die Literatur beitragen. Wenn man sie nicht gerade abschafft, weil sie keinen unmittelbar erkenn- und vor allem messbaren Nutzen für die (digitalisierte) Gesellschaft haben.

Welche Bücher fallen Dir ein, wenn es um eine kritische Auseinandersetzung mit technischem Fortschritt und Digitalisierung geht? Welche Filme und Serien empfiehlst Du unseren Lesern? Und welche empfehlen sie wohl uns? Ich würde mich freuen, wenn weitere Tipps per Kommentar unsere Reading-List ergänzen.

Mein letzter Lesetipp für heute: Die Physiker von Dürrenmatt. Ich hoffe sehr, dass es noch immer auf dem Lehrplan unserer Schulen steht. Denn es ist brandaktuell.

Ich freue mich auf Deinen nächsten Brief!

Liebe Grüße

Deine Anne

Brief No. 8 – Fünf Wege, wie Sie garantiert verdummen

Liebe Anne, Vorsicht! Dieser Brief ist SEO-optimiert. Nimm Dich also in Acht: Du könntest beim Lesen verdummen.

“Das Fokus-Keyword scheint im ersten Absatz des Textes nicht vorzukommen. Stelle umgehend sicher, dass das Thema klar ist”, rief mir das SEO-Tool zu, als zwischen der Anrede dieses Briefes und dem ersten Satz noch ein Absatz war. Zack, Absatz gelöscht, SEO-Tool zufrieden. Verzeih mir bitte diesen Formfehler. Google ist schuld.

“Diese Seite enthält keine Bilder, füge ggf. welche hinzu.”

“Es gibt keine internen Links auf dieser Seite. Überlege dir, geeignete hinzuzufügen.”

Verdummen

Verdummen: So sehe ich aus, wenn ich eine Tasse halte und langsam verdumme

Ha, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen!

Ich kann Deinen Frust über das SEO-Diktat verstehen. Mir wird vom Tool regelmäßig vorgeworfen, dass ich zu viel indirekte Rede verwende. Ich verwende fast nie indirekte Rede, aber ziemlich viele Relativsätze. So viel grammatische Präzision muss schon sein. Oder mir wird vorgeworfen, dass ich mehrere aufeinanderfolgende Sätze mit demselben Wort beginne. Im Deutschunterricht zählte das noch zu den zu paukenden rhetorischen Mitteln und hieß “Repetitio”. Heute ist es aus SEO-Sicht ein Zeichen für minderwertige Textqualität.

Zwischenüberschriften helfen garantiert beim Verdummen

Also streiche ich die stilistischen Wiederholungen, füge Zwischenüberschriften ein, damit meine Leser zielgerichtet den Textausschnitt finden, der die für sie relevanten Informationen enthält, und nehme ihnen damit die Chance, etwas dazuzulernen, neue Perspektiven einzunehmen und von dem überrascht zu werden, was in den vermeintlich irrelevanten Absätzen meiner Texte steht.

Google und Co. würden wahrscheinlich entgegnen, dass ihre Algorithmen zwischen gutem und bösem SEO unterscheiden können. Dass sie Clickbaits und Suchmaschinen-Spamming ebenso abstrafen wie wir.

In der Tat habe ich im Laufe der Zeit für mich einen Weg gefunden, akzeptable SEO-Werte zu erreichen, ohne meinen Anspruch an gute Texte zu verraten. Es ist ja wirklich möglich, kürzere Sätze zu bilden, ohne dass der Sinn des Textes entstellt wird. Es ist für den Leser vielleicht wirklich interessanter, wenn der Beitrag ein Bild enthält. Und Zwischenüberschriften können längeren Texten eine nützliche Unterstruktur verleihen – wenn sie klug gewählt sind. Es ist also möglich, gute und SEO-kompatible Texte zu schreiben.

Fragt sich nur, warum es dann die Clickbaits trotzdem gibt…? Liegt es an unserem Mangel der Entschließung und des Mutes, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen? Brauchen wir eine neue Aufklärung, in der es nicht um die Emanzipation von staatlicher, sondern technischer Bevormundung geht? Oder sind wir es selbst, die uns bevormunden?

Ich finde, er liest sich gar nicht so schlecht, der SEO-optimierte Brief. Und wenn jemand “verdummen” googelt, hat mein Beitrag eine Chance, gefunden zu werden. Nur, dass der Leser nicht erfährt, über welche fünf Wege er garantiert verdummt. Schade. Aber so ist das eben mit den Clickbaits. Noch sind wir Menschen schlauer als unsere Maschinen.

Triumphierend grüßt Dich

Deine Anne

P.S. Der Sonntagskrimi war, glaube ich, ganz unterhaltsam. Ich bin aber nicht mehr so richtig reingekommen und habe stattdessen über etwas sinniert, das mir inzwischen wieder entfallen ist. Vielleicht probiere ich es nächstes Mal mit Homeland. In der Hoffnung, dass ich dann noch schlafen kann.

Brief No. 6 – Geschichten, die die Welt verändern – Oder: ein Redaktionsplan

Liebe Anne,

es ist Sonntagabend und in einer halben Stunde fängt der Tatort an.

(Kommt heute überhaupt einer oder ist einer dieser tristen Polizeiruf-Abende, an denen man verzweifelt auf Rosamunde Pilcher aka Inga Lindström umsteigt, um sich am Ende zu ärgern, dass man nicht einfach gleich ein gutes Buch in die Hand genommen hat?)

Dein letzter Brief ist eine Woche her und seit einer Woche sammle ich (neben Pfandflaschen) Geschichten, die ich erzählen will. Geschichten, die eine neue Realität konstruieren, einen neuen Diskurs anstoßen, und – so sie geteilt werden – dem Widerstand gegen bestehende Bilder und Diskurse Macht und Wirkung verleihen. Wie großartig durch die Brille Foucaults doch die Chancen der sozialen Medien erscheinen! Und wie traurig es doch ist, dass sie momentan – so scheint es mir – ihre transformatorische Kraft bei weitem nicht entfalten, sondern stattdessen in Filterblasen den immer gleichen Leuten die immer gleichen Geschichten erzählen. So wird das nix mit dem gesellschaftlichen Fortschritt!

Was sind also die Geschichten, die ich erzählen will? Es sind bei weitem nicht nur Geschichten von Männern und Frauen. Es sind auch Geschichten von Ärztinnen und Patientinnen. Von Eltern und Kindern. Von Lehrern und Schülern. Vielleicht von Menschen und Maschinen. Von Politikern und Wählern. Von Faktenaufzählern und Geschichtenerzählern…

Es ist zum Beispiel die Geschichte von der Patientin, die ihrer Ärztin auf Augenhöhe begegnet und von ihr als mündiger Mensch beraten statt als unwissende Nutzerin eines Apparates namens Körper behandelt wird. Mehr dazu in einem meiner nächsten Briefe.

Jetzt hat der Tatort schon angefangen, daher verabschiede ich mich in den Ausklang des Wochenendes und wünsche Dir einen schönen Abend mit der ein oder anderen unterhaltsamen und vielleicht neuen Geschichte…

Deine Anne

P.S. Danke fürs Entstauben der Gehirnwindung hinten links. Ich habe mich sehr gefreut, dass Du meiner Einladung zum gemeinsamen Kramen in der Theoriekiste gefolgt bist und bin gespannt, welche Thoeretikerinnen und Philosophen uns auf unserer weiteren Reise noch begleiten werden.

 

Brief No. 5 – Von Foucault und Pfandflaschen

Liebe Anne,

Foucault! Und das (der?) am Sonntag! Da ist mir ja fast der Kakao aus der Hand gefallen, und wildes Kramen in der Gehirnwindung hinten links setzte ein. Und dann schreibst Du auch noch vertrauensvoll dazu, dass ich mich da sicher auskenne!  Ja, wie kann ich nun hier den Michel sinnvoll bemühen? Macht und Wissen? Geschlecht, Gender? Alles zusammen? Wahnsinn und Gesellschaft ist ja eher mein Steckenpferd, aber wahrscheinlich willst Du nicht darauf hinaus, wie wir in heutiger Zeit mit unseren Verrückten umgehen – auch wenn sich die Frage, ob wir als Gesellschaft eigentlich noch alle Latten am Zaun haben, durchaus hin und wieder stellen mag…

Na, also, dann versuch ich mich mal: Ein Foto ist erst einmal ein Foto. Es ist per se kein diskursives Element,  es ist aber fast immer, gerade in o.g. Kontext, in eine Narration eingebettet. Es ist der Diskurs über das Foto, d.h. der Sprech- bzw. Schreibakt unter Berücksichtigung des umgebenden Textes (der auf Instagram auch häufig nur aus Icons besteht, die wiederum durch Sprache interpretiert werden müssen), durch den wir unsere Realität konstruieren.

(Wirk-)Macht über das Subjekt erlangt das Foto durch die Praktik der Reproduktion, die die Grundlage für die Bildung normativer Ideale legt; in diesem Zusammenhang für die Bildung eines Ideals, das die (erfolgreiche) Frau beschreibt. Schöne Frau mit Heißgetränk vor Habitat-Wohnwand. Das sieht man fünfunddrölfzigmal und denkt, so müsse das Leben sein. Zu Hülf! Du fragst zurecht, wie wir da bitte wieder herausfinden, und zwar hurtig!

Widerstand ist laut Herrn Foucault dem System zwischen Macht, Wissen und Subjekt fest zugehörig. Wenn wir also darüber nachdenken, welche Berechtigung diese Fotos haben und sie in Frage stellen, gehen wir einen Schritt in die Richtung des Widerstands gegen stereotype Rollenbilder, den das System prinzipiell zwar vorsieht, der aber nur Macht und Wirkung entwickeln kann, wenn Netzwerke Wissen zusammenführen und der Widerstand sich durch Diskurs und Performanz etabliert.

Es ist genau, wie Du schreibst: Die Gesellschaft perpetuiert ihre Klischees durch die immergleichen Geschichten. Das zeigt sich in Change-Prozessen, die Du als Organisationsberaterin begleitest. Das zeigt sich auch im Kleinen, in Familienstrukturen. Die Rolle, die man hat, wird man kaum mehr los. Da kann man heute einen noch so aufgeräumten Vorratsraum haben, in Elternaugen bleibt man diejenige, die im zweiten Semester Pfandflaschen im Wert von 27,23 € hinter der Tür stapelte. Ohne Kästen. (Das war selbstverständlich nicht ich. Das war die Freundin der Cousine des Arbeitskollegen meines Großonkels.)

Lass uns also neue Geschichten erzählen, neue gute Geschichten. Anstöße geben, nachdenklich machen. Und unterhalten! Wir alle mögen Geschichten, nicht umsonst hat das Konzept des Storytelling so großen Erfolg. Dafür gibt es liebe-anne.de, unser kleines Grassroot-Movement. Und wer uns mag, klickt „Share“!

„Zuviel Idealismus!“, lacht da jemand höhnisch und klopft sich auf die Schenkel? Ach bitte. Sollten wir trotz steten Bemühens die Gesellschaft wider Erwarten nicht revolutionieren können, so haben wir zumindest mal wieder die Gehirnwindung hinten links entstaubt.

Es grüßt Dich herzlich

Deine Anne

P.S.: Heimlich träume ich von einem Foto, das uns beide vor einer kollabierenden Schrankwand mit 999 Büchern ablichtet. In Latzhosen und durchgetanzten Schläppchen.

Brief No. 4 – Weil wir uns nichts dabei denken

Liebe Anne,

Danke für Deinen letzten Brief und die lieben Wünsche. Nach Trüffelpasta und Weißwein – man gönnt sich ja sonst nix! – habe ich gestern noch schnell meine ersten Ideen für meine Antwort ins Handy getippt. Ich meine: Alles trifft zu. All Deine vorsichtig formulierten Hypothesen sind wahr.

Ja, es sind die Medien.

Ja, gebildete Frauen in einflussreichen Positionen werden gerne “verharmlost”. Was haben wir uns alle über Merkels Urlaubsfotos mit Käppi und Nordic Walking-Stöcken gefreut!

Ja, Tassen sind ein verbindendes, aber langweiliges Accessoire.

Ja, es hat sich niemand etwas dabei gedacht. Und alle denken sich etwas dabei….

Bestehende Bilder und mit ihnen gesellschaftliche Narrative werden gedankenlos übernommen. Schöne Frauen vor harmlosen Arrangements aus Designeraccessoires laufen auf Instagram eben richtig gut. Billy-Regale tauchen auf diesen Bildern nicht auf, weil sie auch ohne Influencer-Marketing gekauft werden. Und so verharren wir als Gesellschaft in den immer gleichen Rollenklischees. Weil wir uns seit Generationen dieselben Geschichten erzählen. In Kinderbüchern, in Kinofilmen, in Bildern.

Die dunkle Message ist das Ergebnis eben dieses nicht intentionalen eigendynamischen Prozesses.

Harmlos ist das nicht. Für Frauen ebensowenig wie für Männer. Vielleicht würde der ein oder andere Mann ja auch mal gerne eine Tasse halten?

Wie kommen wir da bloß raus? Was sagt z.B. Monsieur Foucault dazu? Ich glaube, da kennst Du Dich aus? Ich kann nur mit Luhmann aus zweiter Hand dienen.

Aus meiner Arbeit mit Unternehmen weiß ich, dass Wandel in sozialen Systemen kollektive Reflexion erfordert. Auch hier spielen Narrative und Bilder eine große Rolle. Unternehmen erzählen sich die immer gleichen Geschichten und verstellen sich damit den Blick auf notwendige Veränderungen. Erst, wenn die beteiligten Personen gemeinsam erkennen, wie sie sich selbst an der Umsetzung der angestrebten Veränderungen hindern, entsteht die Chance auf nachhaltige Veränderung. Ob sich das auf ganze Gesellschaften übertragen lässt? Und wenn ja, wie?

Nachdenklich räume ich meine Frühstückstasse vom Ikea-Tisch…

Deine Anne

P.S. Zepter und Kaiman fand ich schon ziemlich gut. Außerdem: Ein bis hundert Bücher. Ausgetanzte Schuhe. Eher Schläppchen oder Spitze? Ein Elefant. Ein Füller. Ein Merkel-Käppi? Und ein Glas Scotch… halt! Zwei.

Brief No. 3 – Raute oder Tasse, das ist hier die Frage!

Liebe Anne,

heute denke ich ganz besonders an Dich und hoffe, Du hast einen wunderbaren Tag! Hoch die… ähm… Tassen!

Über Deine Post habe ich mich sehr gefreut. Ich teile Deine Ansicht, dass die Tasse als Icon in den Fotos das Sanfte, Warme betont. Daran ist ja per se auch gar nichts verkehrt! Wenn ich in diesen Tagen nach Hause komme, mache ich mir eine Tasse Tee und verkrieche mich zwischen zwei Buchdeckeln. Wenn ich außer Haus schreibe (wie jetzt gerade!), dann steht neben meinem Laptop – genau wie Du sagst – ein Cappuccino. Aber wenn Du mich nun beschreiben müsstest und sagen würdest „Ja, die Anne, die trinkt unheimlich gern Heißgetränke“, dann würde ich zum Glas greifen. (Scotch.)

Problematisch wird es für mich, wenn die Tasse zum definierenden Moment wird, und meine Frage angesichts der vielen tassenhaltenden Frauen in den Zeitungen und Magazinen ist, wer für diese Inszenierung verantwortlich ist. Sind es die Frauen selbst, die sich diese Art von Darstellung wünschen? Kannst Du Dir vorstellen, dass Frauen, die mitten im Leben stehen, überlegen: „Ja, Mensch, was zeichnet mich wohl am ehesten aus? Ich hab’s, eine Tasse!“? Oder andersherum, glaubst Du, dass Frau Merkel einem Portrait in diesem Setting zustimmen würde? Bitte nicht. Raute ja, Tasse nein.

Sind es also die Medien, die die Frauen durch Tassen weichzeichnen möchten? À la: „Ja, die hat einen Master aus Yale und arbeitet für die US-Regierung, aber eigentlich ist sie ganz harmlos!“ Geht es um die mediale Verharmlosung von Frauen durch Tassen? Das wäre die besorgniserregende Interpretation.

Oder ist die Aussage vielleicht doch viel unschuldiger? Ist die Tasse ein verbindendes Element? Meint die Protagonistin mit der Tasse: „Ja, ich bin zwar Bestsellerautorin, aber eigentlich bin ich wie ihr da draußen eine ganz normale Frau, die Tee trinkt.“? Dann wäre die Tasse einfach ein langweiliges, aber ungefährliches Accessoire.

Ist die Geschichte möglicherweise ganz simpel: Hat sich dabei einfach niemand etwas gedacht? Hat irgendwer angefangen, tassenhaltende Frauen zu knipsen, und die Kollegen haben das übernommen, weil es ja auch superpraktisch ist, wenn das vor der Kamera leicht befangene Laienmodel was in der Hand hat, zum Dranfesthalten? Ist die Tasse nur bloßes Zufallsobjekt eines nicht intentionalen eigendynamischen Prozesses?

Oder lauert da noch eine ganz andere Message, eine dunklere, über die die hellen Vorhänge im Hintergrund dezent hinwegwehen? Die Fotos sind in der Regel exakt komponiert, das Fotoset eine Bühne: Die frischen Tulpen auf dem Tisch. Bücher und Magazine auf dem Kaffeetisch ordentlich aufgereiht. Die Designervase auf der Anrichte. Kissen, viele Kissen und eine Kaschmirdecke. So ein Foto sagt auch: „Ich bin beruflich erfolgreich und hab auch alles weitere im Griff. Mein Haushalt, schau hier. Habitat. Hermès. Und durchgesaugt ist auch“. Daraufhin wandert der Blick in die eigene Bude, Expedit leicht schief, keiner hat abgewaschen und der Scheck für den unterbezahlten Auftrag war auch nicht in der Post.

Da bleibt nur die Frage: Jetzt ‘nen Tee für die Nerven? Oder ‘nen Scotch? Oder einen Film mit Clooney?

Deine Anne

P.S.: Lass uns überlegen, welche Accessoires wir für den Fototermin für liebe-anne.de mitbringen!