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Brief No. 7 – Clickbait

Liebe Anne,

wie war der Sonntagskrimi? Hier gab es Sonntag die letzten Folgen der 7. Staffel Homeland. Ich bin ein absoluter Serienfan, das weißt Du ja. Ich glaube, Ihr schaut amerikanische Serien auch immer auf Englisch, oder? So kann man auch ohne rot zu werden rechtfertigen, dass man sich selbstverständlich ausschließlich zu Bildungszwecken vor den Bildschirm haut. Hey, Sonntagabend und wir tun reichlich für unseren passiven Wortschatz! So gehe ich dann zufrieden, weil fortgebildet ins Bett und schlafe sehr schlecht, weil Homeland ja nicht Inga Lindström ist, und in einem halben Jahr, wenn die neue Staffel rauskommt, habe ich alles, aber auch wirklich alles vergessen und mein Mann, der in ausgewählten Bereichen (Serien. Fußball. Fußnoten.) ein fotografisches Gedächtnis hat, muss mir minutiös alle Details erklären.

Wenn ich mir jetzt diesen Absatz oben noch einmal durchlese, weiß ich, was gleich kommt. Überall im Dashboard rote Hinweise, die mich schelten, weil ich SEO-technisch wieder alles falsch gemacht habe. Ich soll weniger schreiben. Ich soll weniger das Passiv verwenden. Ich soll Zwischenüberschriften einbauen. Ich soll aussagekräftige Keywords wählen. „Vorschriften, Vorschriften, Vorschriften!“*

Und warum? Weil für alle Welt inklusive ihrer Algorithmen Klicks die wichtigste Währung geworden sind. Wurscht, wenn es sich scheiße holprig liest. Wenn schon im ersten Absatz eines Onlinebeitrags ständig irgendwelche Schlagwörter runtergerattert werden, ist meine Tendenz, die Seite wegzuklicken, sehr hoch. Weil es unmöglich klingt. Und weil ich das Gefühl habe, manipuliert zu werden. Denn aus welchem Beweggrund schreibt der Autor hier? Will er einen guten Text mit Informationsgehalt liefern? Oder geht es in erster Linie um Klicks und weniger um die Substanz? Wenn mir in den ersten Sätzen sieben Mal „echte Insider-Tipps für Köln und Umgebung“, um die Ohren fliegt, weil ich auf der Suche nach einer hübschen Sonntagsdestination war, bin ich raus.

Es gibt Ausnahmen, natürlich. Blogs, bei denen die Autoren verstehen, SEO einzubinden und ihrem Schreibstil treu zu bleiben. Aber die allgemeine Entwicklung im Onlinejournalismus macht mir Sorgen. Kompromittieren wir unseren Anspruch daran, was ein guter Text ist, der zudem angenehm zu lesen ist, zugunsten von Klicks?

Und sind wir wirklich bereit, uns von Maschinen diktieren zu lassen, wie wir Informationen auswählen, aufbereiten und präsentieren? SEO ist die eine Seite. Wie und mit welchen Themen man uns im Netz zu fangen versucht, ist die andere. Und sie birgt Abgründe.

„Damit ist Trump zu weit gegangen!“

„Clickbait“ ist für dieses Phänomen ein schöner Begriff. Gibt es dafür eigentlich einen deutschen Ausdruck? Klick-Köder? Headlines, auf die man klicken müssen soll. Weil sie so spektakulär sind. Der Anschein, spektakulär zu sein, eint sie. Gemein haben sie auch, dass sie in 99% der Fälle vollkommen sinnentleert sind.

„Flugzeugabsturz wurde gefilmt!“

Dabei handelt es sich nicht um die Kategorie der Fake-News, um bewusst gestreute Nachrichten, die jeder Grundlage entbehren und die ihren potentiell explosiven Charakter entfalten, wenn die Hintergrundrecherche, sagen wir: dürftig ausfällt. (Nähere Informationen zum Thema erhält der geneigte Leser übrigens auch in Homeland 7, Episode 9, und jetzt atmen wir alle mal kollektiv durch und hoffen, dass das Szenario dort wirklich nur Fiktion ist).

„Herzogin Kate – das Drama um ihre Familie!“

In der Masse geht es bei den Headlines um Informationen, die keine sind.

Ich nenne sie No-News.

„Damit hätte Neuer nicht gerechnet!“

Sie sind überall. Sie scrollen an uns vorüber, wenn wir auf gängigen Portalen unterwegs sind. Sie geben sich als Nachrichten aus, sind aber eigentlich Werbung. Ich empfinde sie als beleidigend. Weil sie die User für den Preis von ein paar Klicks für dumm verkaufen wollen. Der Informationsgehalt ist gleich Null, stattdessen werden Emotionen bedient.

„Was wir über den Anschlag wissen und was wir nicht wissen.“

Besonders problematisch: Oft sind die Headlines hierarchielos zwischen Informationen mit tatsächlichem Nachrichtenwert eingebettet. Das politische Schicksal von Martin Schulz teilt sich ein paar Quadratzentimeter Bildschirmfläche mit dem ultimativen Tipp, wie wir unser Bauchfett loswerden, und das in sieben Tagen.

Muss man ja nicht anklicken? Nein, muss man nicht. Wer Medien kritisch nutzt, wird schön die Finger davon lassen. Aber wie sieht es mit weniger kritischen Zeitgenossen aus, allen voran Jugendlichen und Kindern? Wissen sie die Informationen in ihrer Relevanz zu unterscheiden? Ich bin skeptisch.

Und besorgt. Denn die Flut der No-News zeigt: Das Bedürfnis, das sie befriedigen, ist groß. User wollen sie lesen, sonst würden Journalisten nicht über sie schreiben – Nachfrage und Angebot. Woher kommt die Sensationslust, die Gier nach Halbwahrheiten, das Interesse an Nichtigkeiten, das Bedürfnis nach Entertainment? Haben wir nichts Besseres zu tun? Wir sind doch heute so busy, so wichtig, so gestresst, sollten wir unsere knappe Freizeit nicht auf Sinnvolleres verwenden? Stattdessen wird im trüben Seichten gefischt.

Oder ist genau das der Grund: Nach einem anstrengenden Tag abschalten und nicht nachdenken wollen, sich zerstreuen im Infotainment des www. Ich lass mich abends schließlich auch von Serien berieseln. Aber dabei ist klar: Dies ist Unterhaltung, die ich genau zu diesem Zweck wähle. Hier verwischen keine Grenzen zwischen Nachrichten, Fiktion, Sensation. DVD rein und Claire Danes brillieren sehen. Und inständig hoffen, dass die Washington Post über die Abgründe, die sich dort auftun, immer nur im Kulturteil und nie in den Politnews wird berichten müssen.

Liebe Anne, das ist ein langer Brief geworden. Was denkst Du zu SEO-Optimierung und dem, was heute Nachrichten sind? Ersteres betrifft schließlich auch uns und liebe-anne.de. Auch wir möchten im Netz gefunden und gelesen werden. Wie wichtig sind uns Klickzahlen, wie wichtig Trends und Hashtags? Was bedeutet uns ein bestätigend grünleuchtendes Dashboard als Zeichen, dass wir suchmaschinentechnisch alles richtig gemacht haben?

Ich freue mich auf Deine Antwort und auf Deine Geschichte zum Thema Arzt und Patientin!

Deine Anne

P.S.: Matthias Koch hat in der #Landeszeitung Lüneburg vom 12. Februar 2018 sehr gute Worte zum Thema gefunden. Es lohnt sich, auf S. 18f. in „Die überdrehte Republik“ nachzulesen, wie sehr Sensationslust auch im politischen Fach das journalistische Handwerk bestimmt: „Für differenzierende Töne aber ist nur noch wenig Platz in der heutigen Medienwelt. Wie bei Facebook dreht nun auch der Rest der Welt den Daumen einfach rauf oder runter. Honoriert wird das Extreme, der Konflikt, die Kante. […] Klicks und Quoten, in elektronischen Medien laufend gemessen, werden nachweislich eher über unterhaltsame Elemente gesteigert als über alles andere. So wächst nach und nach das Risiko eines Abrutschens in Richtung einer fröhlichen Irrelevanz – dem aber ein großes Publikum bereitwillig folgt.“

 


* Alf.