Brief No. 10 – Digitalisierung: Eine Reading-List

Liebe Anne,

kennst Du Idiocracy? Das ist ein etwas überdrehter Film über eine vollkommen verblödete Gesellschaft im Jahre 2505. Wenn ich Deine Verdummungstipps so lese, brauchen wir vielleicht gar nicht so lange, bis wir diesen Zustand erreichen. Vieles davon setzt ein Großteil unserer Gesellschaft bereits sehr beflissen um. Ich auch. Zum Teil.

Wenn ich mir vorstelle, dass ich Deinen Brief in meiner Twitter-Community teile, spüre ich Gegenwind. Digitalisierung wird unter Menschen, die Wandel in Unternehmen und Wirtschaft vorantreiben, überwiegend positiv gesehen. Und wenn nicht positiv, dann als unausweichlich. Diese Sicht vertrete ich auch. Der technische Fortschritt wird sich nicht zurückdrehen lassen. Und das hielte ich auch für wenig erstrebenswert. Ich schätze es, dass ich mit meiner Buchhaltungssoftware meine Kontobewegungen den passenden Belegen zuordnen und die erforderlichen Daten direkt ans Finanzamt übermitteln kann. Mir gefällt es, dass ich dank Staubsaugerroboter sehr viel seltener als früher gründlich durchsaugen muss. Und über Twitter habe ich in den letzten Jahren viele bereichernde Kontakte geknüpft und Inhalte entdeckt.

Doch Dein letzter Brief hat mir einmal mehr die Kehrseite dieser Möglichkeiten vor Augen geführt. Nicht alles, was sich Digitalisierung nennt, ist auch ein echter Fortschritt im Sinne des Menschen. Was wir brauchen, ist “reflektierter Fortschritt”, wie Ranga Yogeshwar es in Nächste Ausfahrt Zukunft schreibt. Weder naiver Fortschrittsglaube noch aktionistische staatliche Reglementierung werden uns vor einer Dystopie wie sie in The Circle beschrieben wird, bewahren. Ich habe z.B. große Zweifel daran, dass die Europäische Cookie-Richtlinie wirklich zum Schutz von Nutzerdaten oder zu einem bewussteren Umgang mit ihnen geführt hat. Irgendwann kaufe ich noch aus Versehen ein E-Book über die 5 sicheren Wege zum Millionenumsatz als Life-Coach, in der Annahme, dass ich gerade das übliche Cookie-Pop-up wegklicke.

Reflexion ist also der Schlüssel, wie wir uns davor bewahren, in unser eigenes Verderben zu rennen. Zu dieser Reflexion können gerade die Geisteswissenschaften, die Kunst, die Literatur beitragen. Wenn man sie nicht gerade abschafft, weil sie keinen unmittelbar erkenn- und vor allem messbaren Nutzen für die (digitalisierte) Gesellschaft haben.

Welche Bücher fallen Dir ein, wenn es um eine kritische Auseinandersetzung mit technischem Fortschritt und Digitalisierung geht? Welche Filme und Serien empfiehlst Du unseren Lesern? Und welche empfehlen sie wohl uns? Ich würde mich freuen, wenn weitere Tipps per Kommentar unsere Reading-List ergänzen.

Mein letzter Lesetipp für heute: Die Physiker von Dürrenmatt. Ich hoffe sehr, dass es noch immer auf dem Lehrplan unserer Schulen steht. Denn es ist brandaktuell.

Ich freue mich auf Deinen nächsten Brief!

Liebe Grüße

Deine Anne

Brief No. 8 – Fünf Wege, wie Sie garantiert verdummen

Liebe Anne, Vorsicht! Dieser Brief ist SEO-optimiert. Nimm Dich also in Acht: Du könntest beim Lesen verdummen.

“Das Fokus-Keyword scheint im ersten Absatz des Textes nicht vorzukommen. Stelle umgehend sicher, dass das Thema klar ist”, rief mir das SEO-Tool zu, als zwischen der Anrede dieses Briefes und dem ersten Satz noch ein Absatz war. Zack, Absatz gelöscht, SEO-Tool zufrieden. Verzeih mir bitte diesen Formfehler. Google ist schuld.

“Diese Seite enthält keine Bilder, füge ggf. welche hinzu.”

“Es gibt keine internen Links auf dieser Seite. Überlege dir, geeignete hinzuzufügen.”

Verdummen

Verdummen: So sehe ich aus, wenn ich eine Tasse halte und langsam verdumme

Ha, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen!

Ich kann Deinen Frust über das SEO-Diktat verstehen. Mir wird vom Tool regelmäßig vorgeworfen, dass ich zu viel indirekte Rede verwende. Ich verwende fast nie indirekte Rede, aber ziemlich viele Relativsätze. So viel grammatische Präzision muss schon sein. Oder mir wird vorgeworfen, dass ich mehrere aufeinanderfolgende Sätze mit demselben Wort beginne. Im Deutschunterricht zählte das noch zu den zu paukenden rhetorischen Mitteln und hieß “Repetitio”. Heute ist es aus SEO-Sicht ein Zeichen für minderwertige Textqualität.

Zwischenüberschriften helfen garantiert beim Verdummen

Also streiche ich die stilistischen Wiederholungen, füge Zwischenüberschriften ein, damit meine Leser zielgerichtet den Textausschnitt finden, der die für sie relevanten Informationen enthält, und nehme ihnen damit die Chance, etwas dazuzulernen, neue Perspektiven einzunehmen und von dem überrascht zu werden, was in den vermeintlich irrelevanten Absätzen meiner Texte steht.

Google und Co. würden wahrscheinlich entgegnen, dass ihre Algorithmen zwischen gutem und bösem SEO unterscheiden können. Dass sie Clickbaits und Suchmaschinen-Spamming ebenso abstrafen wie wir.

In der Tat habe ich im Laufe der Zeit für mich einen Weg gefunden, akzeptable SEO-Werte zu erreichen, ohne meinen Anspruch an gute Texte zu verraten. Es ist ja wirklich möglich, kürzere Sätze zu bilden, ohne dass der Sinn des Textes entstellt wird. Es ist für den Leser vielleicht wirklich interessanter, wenn der Beitrag ein Bild enthält. Und Zwischenüberschriften können längeren Texten eine nützliche Unterstruktur verleihen – wenn sie klug gewählt sind. Es ist also möglich, gute und SEO-kompatible Texte zu schreiben.

Fragt sich nur, warum es dann die Clickbaits trotzdem gibt…? Liegt es an unserem Mangel der Entschließung und des Mutes, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen? Brauchen wir eine neue Aufklärung, in der es nicht um die Emanzipation von staatlicher, sondern technischer Bevormundung geht? Oder sind wir es selbst, die uns bevormunden?

Ich finde, er liest sich gar nicht so schlecht, der SEO-optimierte Brief. Und wenn jemand “verdummen” googelt, hat mein Beitrag eine Chance, gefunden zu werden. Nur, dass der Leser nicht erfährt, über welche fünf Wege er garantiert verdummt. Schade. Aber so ist das eben mit den Clickbaits. Noch sind wir Menschen schlauer als unsere Maschinen.

Triumphierend grüßt Dich

Deine Anne

P.S. Der Sonntagskrimi war, glaube ich, ganz unterhaltsam. Ich bin aber nicht mehr so richtig reingekommen und habe stattdessen über etwas sinniert, das mir inzwischen wieder entfallen ist. Vielleicht probiere ich es nächstes Mal mit Homeland. In der Hoffnung, dass ich dann noch schlafen kann.

Brief No. 6 – Geschichten, die die Welt verändern – Oder: ein Redaktionsplan

Liebe Anne,

es ist Sonntagabend und in einer halben Stunde fängt der Tatort an.

(Kommt heute überhaupt einer oder ist einer dieser tristen Polizeiruf-Abende, an denen man verzweifelt auf Rosamunde Pilcher aka Inga Lindström umsteigt, um sich am Ende zu ärgern, dass man nicht einfach gleich ein gutes Buch in die Hand genommen hat?)

Dein letzter Brief ist eine Woche her und seit einer Woche sammle ich (neben Pfandflaschen) Geschichten, die ich erzählen will. Geschichten, die eine neue Realität konstruieren, einen neuen Diskurs anstoßen, und – so sie geteilt werden – dem Widerstand gegen bestehende Bilder und Diskurse Macht und Wirkung verleihen. Wie großartig durch die Brille Foucaults doch die Chancen der sozialen Medien erscheinen! Und wie traurig es doch ist, dass sie momentan – so scheint es mir – ihre transformatorische Kraft bei weitem nicht entfalten, sondern stattdessen in Filterblasen den immer gleichen Leuten die immer gleichen Geschichten erzählen. So wird das nix mit dem gesellschaftlichen Fortschritt!

Was sind also die Geschichten, die ich erzählen will? Es sind bei weitem nicht nur Geschichten von Männern und Frauen. Es sind auch Geschichten von Ärztinnen und Patientinnen. Von Eltern und Kindern. Von Lehrern und Schülern. Vielleicht von Menschen und Maschinen. Von Politikern und Wählern. Von Faktenaufzählern und Geschichtenerzählern…

Es ist zum Beispiel die Geschichte von der Patientin, die ihrer Ärztin auf Augenhöhe begegnet und von ihr als mündiger Mensch beraten statt als unwissende Nutzerin eines Apparates namens Körper behandelt wird. Mehr dazu in einem meiner nächsten Briefe.

Jetzt hat der Tatort schon angefangen, daher verabschiede ich mich in den Ausklang des Wochenendes und wünsche Dir einen schönen Abend mit der ein oder anderen unterhaltsamen und vielleicht neuen Geschichte…

Deine Anne

P.S. Danke fürs Entstauben der Gehirnwindung hinten links. Ich habe mich sehr gefreut, dass Du meiner Einladung zum gemeinsamen Kramen in der Theoriekiste gefolgt bist und bin gespannt, welche Thoeretikerinnen und Philosophen uns auf unserer weiteren Reise noch begleiten werden.

 

Brief No. 5 – Von Foucault und Pfandflaschen

Liebe Anne,

Foucault! Und das (der?) am Sonntag! Da ist mir ja fast der Kakao aus der Hand gefallen, und wildes Kramen in der Gehirnwindung hinten links setzte ein. Und dann schreibst Du auch noch vertrauensvoll dazu, dass ich mich da sicher auskenne!  Ja, wie kann ich nun hier den Michel sinnvoll bemühen? Macht und Wissen? Geschlecht, Gender? Alles zusammen? Wahnsinn und Gesellschaft ist ja eher mein Steckenpferd, aber wahrscheinlich willst Du nicht darauf hinaus, wie wir in heutiger Zeit mit unseren Verrückten umgehen – auch wenn sich die Frage, ob wir als Gesellschaft eigentlich noch alle Latten am Zaun haben, durchaus hin und wieder stellen mag…

Na, also, dann versuch ich mich mal: Ein Foto ist erst einmal ein Foto. Es ist per se kein diskursives Element,  es ist aber fast immer, gerade in o.g. Kontext, in eine Narration eingebettet. Es ist der Diskurs über das Foto, d.h. der Sprech- bzw. Schreibakt unter Berücksichtigung des umgebenden Textes (der auf Instagram auch häufig nur aus Icons besteht, die wiederum durch Sprache interpretiert werden müssen), durch den wir unsere Realität konstruieren.

(Wirk-)Macht über das Subjekt erlangt das Foto durch die Praktik der Reproduktion, die die Grundlage für die Bildung normativer Ideale legt; in diesem Zusammenhang für die Bildung eines Ideals, das die (erfolgreiche) Frau beschreibt. Schöne Frau mit Heißgetränk vor Habitat-Wohnwand. Das sieht man fünfunddrölfzigmal und denkt, so müsse das Leben sein. Zu Hülf! Du fragst zurecht, wie wir da bitte wieder herausfinden, und zwar hurtig!

Widerstand ist laut Herrn Foucault dem System zwischen Macht, Wissen und Subjekt fest zugehörig. Wenn wir also darüber nachdenken, welche Berechtigung diese Fotos haben und sie in Frage stellen, gehen wir einen Schritt in die Richtung des Widerstands gegen stereotype Rollenbilder, den das System prinzipiell zwar vorsieht, der aber nur Macht und Wirkung entwickeln kann, wenn Netzwerke Wissen zusammenführen und der Widerstand sich durch Diskurs und Performanz etabliert.

Es ist genau, wie Du schreibst: Die Gesellschaft perpetuiert ihre Klischees durch die immergleichen Geschichten. Das zeigt sich in Change-Prozessen, die Du als Organisationsberaterin begleitest. Das zeigt sich auch im Kleinen, in Familienstrukturen. Die Rolle, die man hat, wird man kaum mehr los. Da kann man heute einen noch so aufgeräumten Vorratsraum haben, in Elternaugen bleibt man diejenige, die im zweiten Semester Pfandflaschen im Wert von 27,23 € hinter der Tür stapelte. Ohne Kästen. (Das war selbstverständlich nicht ich. Das war die Freundin der Cousine des Arbeitskollegen meines Großonkels.)

Lass uns also neue Geschichten erzählen, neue gute Geschichten. Anstöße geben, nachdenklich machen. Und unterhalten! Wir alle mögen Geschichten, nicht umsonst hat das Konzept des Storytelling so großen Erfolg. Dafür gibt es liebe-anne.de, unser kleines Grassroot-Movement. Und wer uns mag, klickt „Share“!

„Zuviel Idealismus!“, lacht da jemand höhnisch und klopft sich auf die Schenkel? Ach bitte. Sollten wir trotz steten Bemühens die Gesellschaft wider Erwarten nicht revolutionieren können, so haben wir zumindest mal wieder die Gehirnwindung hinten links entstaubt.

Es grüßt Dich herzlich

Deine Anne

P.S.: Heimlich träume ich von einem Foto, das uns beide vor einer kollabierenden Schrankwand mit 999 Büchern ablichtet. In Latzhosen und durchgetanzten Schläppchen.

Brief No. 4 – Weil wir uns nichts dabei denken

Liebe Anne,

Danke für Deinen letzten Brief und die lieben Wünsche. Nach Trüffelpasta und Weißwein – man gönnt sich ja sonst nix! – habe ich gestern noch schnell meine ersten Ideen für meine Antwort ins Handy getippt. Ich meine: Alles trifft zu. All Deine vorsichtig formulierten Hypothesen sind wahr.

Ja, es sind die Medien.

Ja, gebildete Frauen in einflussreichen Positionen werden gerne “verharmlost”. Was haben wir uns alle über Merkels Urlaubsfotos mit Käppi und Nordic Walking-Stöcken gefreut!

Ja, Tassen sind ein verbindendes, aber langweiliges Accessoire.

Ja, es hat sich niemand etwas dabei gedacht. Und alle denken sich etwas dabei….

Bestehende Bilder und mit ihnen gesellschaftliche Narrative werden gedankenlos übernommen. Schöne Frauen vor harmlosen Arrangements aus Designeraccessoires laufen auf Instagram eben richtig gut. Billy-Regale tauchen auf diesen Bildern nicht auf, weil sie auch ohne Influencer-Marketing gekauft werden. Und so verharren wir als Gesellschaft in den immer gleichen Rollenklischees. Weil wir uns seit Generationen dieselben Geschichten erzählen. In Kinderbüchern, in Kinofilmen, in Bildern.

Die dunkle Message ist das Ergebnis eben dieses nicht intentionalen eigendynamischen Prozesses.

Harmlos ist das nicht. Für Frauen ebensowenig wie für Männer. Vielleicht würde der ein oder andere Mann ja auch mal gerne eine Tasse halten?

Wie kommen wir da bloß raus? Was sagt z.B. Monsieur Foucault dazu? Ich glaube, da kennst Du Dich aus? Ich kann nur mit Luhmann aus zweiter Hand dienen.

Aus meiner Arbeit mit Unternehmen weiß ich, dass Wandel in sozialen Systemen kollektive Reflexion erfordert. Auch hier spielen Narrative und Bilder eine große Rolle. Unternehmen erzählen sich die immer gleichen Geschichten und verstellen sich damit den Blick auf notwendige Veränderungen. Erst, wenn die beteiligten Personen gemeinsam erkennen, wie sie sich selbst an der Umsetzung der angestrebten Veränderungen hindern, entsteht die Chance auf nachhaltige Veränderung. Ob sich das auf ganze Gesellschaften übertragen lässt? Und wenn ja, wie?

Nachdenklich räume ich meine Frühstückstasse vom Ikea-Tisch…

Deine Anne

P.S. Zepter und Kaiman fand ich schon ziemlich gut. Außerdem: Ein bis hundert Bücher. Ausgetanzte Schuhe. Eher Schläppchen oder Spitze? Ein Elefant. Ein Füller. Ein Merkel-Käppi? Und ein Glas Scotch… halt! Zwei.

Brief No. 3 – Raute oder Tasse, das ist hier die Frage!

Liebe Anne,

heute denke ich ganz besonders an Dich und hoffe, Du hast einen wunderbaren Tag! Hoch die… ähm… Tassen!

Über Deine Post habe ich mich sehr gefreut. Ich teile Deine Ansicht, dass die Tasse als Icon in den Fotos das Sanfte, Warme betont. Daran ist ja per se auch gar nichts verkehrt! Wenn ich in diesen Tagen nach Hause komme, mache ich mir eine Tasse Tee und verkrieche mich zwischen zwei Buchdeckeln. Wenn ich außer Haus schreibe (wie jetzt gerade!), dann steht neben meinem Laptop – genau wie Du sagst – ein Cappuccino. Aber wenn Du mich nun beschreiben müsstest und sagen würdest „Ja, die Anne, die trinkt unheimlich gern Heißgetränke“, dann würde ich zum Glas greifen. (Scotch.)

Problematisch wird es für mich, wenn die Tasse zum definierenden Moment wird, und meine Frage angesichts der vielen tassenhaltenden Frauen in den Zeitungen und Magazinen ist, wer für diese Inszenierung verantwortlich ist. Sind es die Frauen selbst, die sich diese Art von Darstellung wünschen? Kannst Du Dir vorstellen, dass Frauen, die mitten im Leben stehen, überlegen: „Ja, Mensch, was zeichnet mich wohl am ehesten aus? Ich hab’s, eine Tasse!“? Oder andersherum, glaubst Du, dass Frau Merkel einem Portrait in diesem Setting zustimmen würde? Bitte nicht. Raute ja, Tasse nein.

Sind es also die Medien, die die Frauen durch Tassen weichzeichnen möchten? À la: „Ja, die hat einen Master aus Yale und arbeitet für die US-Regierung, aber eigentlich ist sie ganz harmlos!“ Geht es um die mediale Verharmlosung von Frauen durch Tassen? Das wäre die besorgniserregende Interpretation.

Oder ist die Aussage vielleicht doch viel unschuldiger? Ist die Tasse ein verbindendes Element? Meint die Protagonistin mit der Tasse: „Ja, ich bin zwar Bestsellerautorin, aber eigentlich bin ich wie ihr da draußen eine ganz normale Frau, die Tee trinkt.“? Dann wäre die Tasse einfach ein langweiliges, aber ungefährliches Accessoire.

Ist die Geschichte möglicherweise ganz simpel: Hat sich dabei einfach niemand etwas gedacht? Hat irgendwer angefangen, tassenhaltende Frauen zu knipsen, und die Kollegen haben das übernommen, weil es ja auch superpraktisch ist, wenn das vor der Kamera leicht befangene Laienmodel was in der Hand hat, zum Dranfesthalten? Ist die Tasse nur bloßes Zufallsobjekt eines nicht intentionalen eigendynamischen Prozesses?

Oder lauert da noch eine ganz andere Message, eine dunklere, über die die hellen Vorhänge im Hintergrund dezent hinwegwehen? Die Fotos sind in der Regel exakt komponiert, das Fotoset eine Bühne: Die frischen Tulpen auf dem Tisch. Bücher und Magazine auf dem Kaffeetisch ordentlich aufgereiht. Die Designervase auf der Anrichte. Kissen, viele Kissen und eine Kaschmirdecke. So ein Foto sagt auch: „Ich bin beruflich erfolgreich und hab auch alles weitere im Griff. Mein Haushalt, schau hier. Habitat. Hermès. Und durchgesaugt ist auch“. Daraufhin wandert der Blick in die eigene Bude, Expedit leicht schief, keiner hat abgewaschen und der Scheck für den unterbezahlten Auftrag war auch nicht in der Post.

Da bleibt nur die Frage: Jetzt ‘nen Tee für die Nerven? Oder ‘nen Scotch? Oder einen Film mit Clooney?

Deine Anne

P.S.: Lass uns überlegen, welche Accessoires wir für den Fototermin für liebe-anne.de mitbringen!

Brief No. 2 – Der Griff zur Tasse…

Liebe Anne,

was für eine Ouvertüre! Sie gefällt mir. Politisch und lyrisch, humorvoll und voller Leidenschaft… Das wird gut.

Ich kenne die Tassen, die Du beschreibst. Sie werden gehalten von Frauen, die gesehen werden wollen, die etwas zu sagen haben, die den Schritt auf die Bühne wagen. Die aber, um auf dieser Bühne stehen zu dürfen, schön, warm, weich und weiblich sein müssen. Die sich unsichtbar machen, um gesehen zu werden. Um gemocht zu werden. Warm, wohlig, weich wie eine schöne Tasse Kaffee am Sonntagmorgen.

Sie werden gehalten von Frauen wie meiner Freundin, die sich neulich fragte, was ein Mann in ihrer Situation machen würde, als ihr die in Aussicht gestellte Führungsrolle plötzlich grundlos wieder entzogen und stattdessen einem Mann übertragen wurde.

Oder meiner anderen Freundin, die sich fragt, wie sie ihre beruflichen und mütterlichen Ambitionen unter einen Hut bringt, ohne auch nur auf die Idee zu kommen, das mit ihrem Mann zu besprechen. Weil sie es als ihre Aufgabe ansieht.

Oder meine ehemalige Arbeitskollegin, die ab dem ersten Ansatz von Babybauch plötzlich nicht mehr zu Meetings eingeladen wurde, weil sie ja “eh bald weg” ist.

Der Griff zur Tasse als gemeinsame weibliche Resignation? Zur Flasche wäre schließlich zu männlich.

Die Tasse steht aber vielleicht noch für etwas anderes. Wenn sie nicht gehalten wird, steht sie neben einem Laptop. In einem Café. Auf dem Beistelltisch. Dort, wo gut ausgebildete Frauen ihr Geld mit ihrem eigenen Business verdienen. Selbständig. Ohne das enge Korsett eines Nine-to-five oder Seven-to-ten-Jobs mit Präsenzkultur und gläsernen Decken. Im Home-Office oder am Café-Arbeitsplatz. Mit einer guten Tasse Cappuccino – vom Barista frisch aufgebrüht und mit Liebe verziert.

Sie greifen zur Tasse, weil sie es können.

Santé!

Deine Anne

P.S. Clooney hält seine Tasse anders. Selbstbewusst, männlich, mit frontalem Blick in die Kamera. Er setzt die Tasse in Szene. Nicht die Tasse ihn.

Brief No. 1 – Alle Tassen in der Hand?!

Liebe Anne,

dieser Brief ist der erste dieses Blogs und vielleicht eine kleine Überraschung. So lange schon existiert unser Wunsch nach einem gemeinsamen Briefblogprojekt, dass – nachdem Du die Domain und das wunderbare Theme eingerichtet hast – unser Blog endlich mit Leben gefüllt werden soll! Werden wir politisch werden? Modisch? Karrieristisch? Werden wir die neuesten Hashtags aufgreifen oder aber Backrezepte austauschen? Wer weiß das schon! Platz ist für alles und lesen darf jeder!

Mal sehen, wohin uns Briefe tragen, die nicht ausgetragen werden müssen.

Ich sitze am Esstisch mit einer Tasse Tee. Beim Aufbrühen sind diese Bilder in mir aufgestiegen, oh diese Bilder, kennst Du sie?

Frauen, die Tassen halten.

Ein Portrait einer Politikerin in einer Zeitschrift? – Die Politikerin hält eine Tasse.

Eine Gründerin stellt sich auf ihrem Blog vor? („Über Mareile“) – Mareile hält eine Tasse.

Die Werbung einer Familienversicherung? – Die Familienversicherte hält eine Tasse.

Optional weht im Hintergrund ein heller Vorhang ins Bild hinein. Die Protagonistin trägt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einen muckeligen Wollpulli in der Farbe des Vorhangs. Sie sitzt im Schneidersitz auf einem Sofa im näheren Farbspektrum des Vorhangs oder lehnt in einem Türrahmen. Dabei lächelt sie beseelt oder schaut verträumt ins Off.

Manchmal schaut sie auch in ihre Tasse.

Meine Frage: Was sieht sie da? Und überhaupt: Warum?

Was ist die Botschaft einer Frau, die eine Tasse hält?

Hat sie Durst? Hat sie kalte Hände? Oder… Mir gehen die Ideen aus. Muss sie sich irgendwo festhalten?

Ich verstehe es nicht.

Es sieht einfach wahnsinnig langweilig aus.

Zepter und Apfel – das wäre interessant!

Ein kleiner Kaiman – da würde ich weiterlesen!

Ein Kitesurfboard – hui!

Oder eine Bundestagsrede!

Aber eine Tasse ist eine ziemlich trübe Angelegenheit. Eine Tasse als gemeinsamer weiblicher Nenner?

Empört bin ich

Deine Anne

P.S.: Männer halten übrigens nie Tassen.* Die sitzen breitbeinig leicht vorgeneigt mit auf den Oberschenkeln gestützten Ellenbogen auf Bürostühlen und schauen gewinnend in die Kamera. Dezent andere Message.

* (Ausnahme: Clooney. Der darf das.)