Brief No. 29 – Duft der Lebendigkeit

Liebe Anne,

was machst Du gerade? An diesem vierten Adventssamstag? Vielleicht sitzt Du mit Plätzchen und Heizdecke auf dem Sofa. Danke für den Blick in die Zukunft in Deinem letzten Brief. Ich habe mich köstlich amüsiert.

Während bei mir die Kokosmakronen im Ofen backen, muss ich an eine Szene aus der Innenstadt diese Woche denken…

Menschen stehen Schlange. Dicht gedrängt, aber nicht dicht genug, um den Duft ihres Vordermannes einatmen zu können.

Wie gern sie jetzt den Duft gebrannter Mandeln, dampfenden Glühweins und gerösteter Maronen in ihre Nasen einsaugen würden. Ihre eisigen Hände an den Tassen wärmen, die Hitze des Getränks im Schein der Weihnachtsmarktbeleuchtung ihrem Gegenüber entgegenpusten.

Laut lachen, singen und rufen. Beherzt packen, ringen und knutschen.

Unbeschwert rotzen, schwitzen und husten. Kotzen, spucken, prusten.

In verrauchten Kneipen Bier verschütten. Sich in überfüllten U-Bahnen zwischen stinkenden fremden Körpern durchquetschen. Im Aufzug so dicht zusammenrücken, dass einem fast die Luft wegbleibt.

Stattdessen stehen sie steril verhüllt vor der örtlichen Parfümerie, um ihren Liebsten kurz vor der angekündigten Schließung ein Stück duftende Zivilisation zu ergattern.

Wie zum Beweis, dass mit ihrem Geschmacks- und Geruchssinn alles in bester Ordnung ist.

Nach welchem Duft sehnst Du Dich, liebe Anne?

Hier hängt nun frisch gebackene Kokosmakrone in der Luft.

Schnuppernd grüßt Dich
Deine Anne

Brief No. 27 – O du Bürokratische…!

Liebe Anne,

hast Du schon Deine vier Personen zusammen? Oder sind es etwa mehr? Sind Mehrgenerationenhäuser ein oder mehrere Haushalte? Wo bekomme ich jetzt noch einen Vaterschaftstest her? Oder reicht ein Corona-Schnelltest?

Fragen über Fragen. Dabei ist seit heute doch endlich alles klar und einheitlich geregelt. Ein Baum pro Haushalt, maximal zwei Meter hoch, außer der Adventskranz hat mehr als einen halben Meter Durchmesser, dann wird beides gegeneinander aufgerechnet. Ein bisschen wie bei Hartz IV oder Elterngeld.

Also alles wie immer. Es gibt mehr oder weniger eindeutige Regeln sowie die dazugehörigen Grauzonen, Auslegungs- und Umgehungsmöglichkeiten. Letztlich kann jeder selbst entscheiden, wie er sich dazu verhält.

Neu ist nur, dass die staatlichen Regeln nun eine Sphäre betreffen, in der bisher ein anderer Regeltypus vorherrschend war: Die familiären Regeln. Dass mit der Bescherung gefälligst bis nach dem Essen gewartet wird. Dass ein Baum ohne echte Kerzen kein echter Baum ist. Und dass Tante Erna spätestens nach dem ersten Glühwein die alten Geschichten aus ihrer Jugend auspackt.

Ist das ein Grund, sich das Weihnachtsfest verderben zu lassen? Hoffentlich nicht! Schön ist es trotzdem nicht. Wie wir wohl in ein paar Jahren über dieses Weihnachten 2020 sprechen werden?

Vielleicht heißt die neue familiäre Regel dann: Spätestens nach dem ersten Sekt packt Tante Anne die Geschichte vom Corona-Weihnachten aus.

Darauf einen vorweihnachtlichen Scotch
Deine Anne

Leserbrief No. 2

Von: <dxxxxxxxxxxxx@gmail.com>
Gesendet: Samstag, 7. November 2019 23:12
Betreff: Liebe Anne “Brief No. 2”

Liebe Schreibende,

bei mir läuft Musik. Zu laut für eine Unterhaltung. Gerade so laut, dass die Eindringtiefe in das Hirn über das Ohr als angenehme 5 Zentimeter empfunden wird. Das Stammhirn spürt schon Vibrationen, aber keine Melodie. Der ganze Rest drumherum ist also beeinflusst, sozusagen übertönt. Zumindest ist kein Steuermann mehr im Gedankenstrom, der sich so recht durchsetzen kann. Der Kontrollblick und der Ruf der planenden Vernunft greifen nur weniger als eine Sekunde voraus und kaum mehr als ein wenig mehr zurück. Das Fenster wird eng. Nicht schlimm. Dazu ein Computer.

Schrecklich, mir jetzt meine Handschrift vorzustellen. Schrecklich, sich Widerstand zu wünschen (also sich sehen und sich spüren während dieses Schreibens). Das wäre, wie sich selbst in einer peinlich-intimen Situation hinter einem Vorgang verborgen zu beobachten. Ist man erzogen, will man lieber nicht da sein. Dabei ist die Situation natürlich weder dramatisch, noch ausschlaggebend. Die Sache selbst begründet nicht das Schamgefühl. Es hat keinen Anlass in einer irgendwie gearteten entstehenden Heiligkeit des schaffenden Moments. Da ist wenig Erhabenheit. (Die ja auch gar nicht gefordert oder auch nur behauptet wurde von den Briefeschreibenden).

Für mich eher die konsequente Kohärenz der Kleinbedeutendheit des Moments mit der Unwichtigkeit des Schreibers. Das ist nun nicht gut ausgedrückt, weil es – wiederum bei erzogenen Menschen – den Impuls zur Gegenrede oder zum schamhaften Zurücktreten auslösen müsste. Dabei ist es der Moment selbst, der angenehm ist. Der Rest ist Bühne. Ich bin das Vorher und Hinterher, die physische Funktion. Von mir ist wenig in den Lauf der Welt einzubringen. Relevanter ist, dass dieser Moment selbst ist – der einzige Unterschied zwischen Sein und dem Anderen. Insofern will ich mich nicht selbst berühren beim Schreiben von Worten. Keine Handschrift, kein Widerstand, keine Sehen auf die eigenen Finger. Schon tragisch für mich, dass ich in mich reinhorchen muss, um Worte zu finden. Dietrich Bonhoeffer (der sich nicht gegen wenig umsichtiges Zitieren von Bruchstücken wehren kann) schrieb den feinen Satz „Wer lernen will zu dienen, muss zuerst lernen, gering von sich selbst zu denken“ (Quellenangabe bei Bedarf gern). Und das schreibt er aus dem Interesse, das menschliche Antlitz aufzurichten. Dazu der schöne, wenn auch dunkle Satz eines anderen Theologen (Fulbert Steffensky): „Unsere Bedürftigkeit ist unsere Würde“. Soviel nur zu meiner Handschrift, weil die letzten beiden Briefe auch anregten, sich als Leser zu ihnen nicht nur inhaltlich, sondern auch zu ihnen als kommunikativem Ereignis und Vorgang in Beziehung zu setzen.

Die Musik hat übrigens geendet. Das Buch mit den Briefen Bonhoeffers liegt noch da. Der Bildschirm hält das Fenster zu dem Blog noch geöffnet. Eigentlich auch ganz gut, dass jetzt keiner mit mir spricht. Dann haben die entstehenden und entstandenen, die eigenen und fremden Worte eine Chance. Ich muss mal googlen, wie nah sich die Worte „kommunizieren“ und „Kommunion“ bringen lassen. Mach ich jetzt nicht, kann mich auch so freuen, dass „kommunizieren“ vielleicht auch als „sich ereignende Gemeinschaft“ verstanden werden kann, ohne dass dazu (direkter) Austausch notwendiges Kriterium sein muss. So wie „Teilen“ das „gemeinsame Nehmen aus dem Selben“ sein kann, ohne dass die Teilenden notwendig etwas direkt untereinander austauschen müssen. Ich habe mich (und das passt dann doch nicht ganz präzise) zu einem kommunizierenden Teilnehmer gemacht, indem ich etwas aus Euren Briefen, liebe Schreiberinnen, nehme und nicht etwas handschriftlich dazu tue. Insofern ist der Moment des Tastentippens eine durch Euren Blog ins Leben gerufene Teilnahme. Communio ex nihilo. Danke.

Aber weil das eigentlich Schöne an Euren Briefen ist, dass Neues entsteht und dazukommt, werde ich diesen Brief geschrieben haben und hinter dem Vorhang aushalten.

Brief No. 24 – Zufall Mensch

Liebe Anne,

Kakao trinkt er also, der Herr Präsident. Jetzt wissen wir’s. Das finde ich durchaus erstaunlich, habe ich doch neulich erst erlebt, wie ein deutscher Gast in einem amerikanischen Lokal “cold cocoa” zu bestellen versuchte. Er bekam: Ein Glas Coke. Mit Eis.

Wie gern würde ich nun erzählen, dass die Kellnerin die Bestellung in ein digitales Gerät eingetippt hatte, das “cocoa” nicht als Auswahlmöglichkeit anbot. Für einen kurzen Moment war ich versucht, mir diese künstlerische Freiheit zu nehmen und auf diese Weise einen anekdotischen Beweis für Deine These vom spitzen Stift und den gespitzten Ohren zu liefern. Aber so war es einfach nicht. Die Kellnerin hatte ganz klassisch mit Zettel und Stift notiert, was sie gehört zu haben glaubte.

Szenisch:

Im Restaurant irgendwo im Mittleren Westen Amerikas.

Auftritt Kellnerin mit Haaren wie Cindy Lauper.

Kellnerin (zückt Block und Stift, while chewing gum): What would you like to drink?

Deutscher Gast: Äh… cold co-coa, please!

Kellnerin: Is Pepsi okay?

Deutscher Gast: No… äh… cocoa…

Kellnerin: So no Pepsi?

Deutscher Gast: No, I mean cocoa! Like… (wendet sich hilfesuchend seiner neben ihm sitzenden Freundin zu.)

Freundin: Pepsi is fine, thanks!

 

MÖÖÖP! Was ist da passiert? Waren die Ohren der Kellnerin etwa mit Kaugummi verklebt?

Und die der Freundin?

Vermutlich wollte letztere einfach schnell die für alle Beteiligten somehow awkward situation beenden. Es war schließlich schon spät, die Küche des Lokals schloss bald und die fünfköpfige Reisegruppe brauchte dringend etwas zu essen. Da musste der ausgefallene Getränkewunsch des Freundes dem Gemeinwohl untergeordnet werden.

Ob Kaugummi oder unangenehme Situation, die Damen hatten ihre Ohren nicht richtig gespitzt. Wäre das mit spitzem Stift anders gewesen?

Möglich.

Auch ich schreibe gerne mit der Hand. In Vorträgen und Gesprächen hilft mir handschriftliches Mitschreiben beim Zuhören. Seit Kurzem schreibe ich allerdings nicht mehr auf Papier, sondern mit tintenlosem Stift auf einer spiegelglatten Scheibe. Handschrift goes digital. Obwohl… ist das wirklich digital?

Das Schreiben mit der Hand – ob auf Papier oder auf Scheiben – ist etwas völlig anderes als das Tippen auf einer Schreibmaschine oder einem Touchscreen. Ich übertrage das Gehörte in Bewegungen, zeichne geschwungene Linien, beobachte ihre Entstehung und verleihe ihnen die Bedeutung des geschriebenen Worts. Bin eingebunden in Raum und Zeit, als Einheit von Körper und Geist. Wie ein Tanz.

Beim Tippen drücke ich auf einen Knopf und ein ganzer Buchstabe erscheint. Sofort. Es ist eine mechanische Tätigkeit. Ich passe mich der Maschine an, nicht die Maschine sich mir. Genau wie Herr D. es in seinem Leserbrief beschreibt.

Mein elektrifizierter Schreibblock ist da anders. Das einzige, was mir beim Schreiben fehlt, ist der Widerstand des Papiers. Das leichte Kratzen von Feder oder Mine auf der Oberfläche. Das rhythmische Geräusch, die Musik zu meinem Tanz. Sie ist eine andere. Leise macht es “klack, klack, klack”, wenn ich den Stift aufsetze. Die Ballerina wird zur Stepptänzerin.

Während ich schreibe, leuchten die Meldungen sozialer Medien-Apps auf: “Peter K. hat dich in einem Kommentar erwähnt.” – “Katja B. hat seit längerer Zeit etwas getwittert.” – “Amir C. hat einen neuen Job.”

Ich werde über andere informiert. Mit-einander reden, das geschieht in der Tat sehr selten in den sogenannten sozialen Medien.

Und noch etwas fehlt: Das Unerwartete. Das Zufällige. Das, was nur passiert, wenn echte Menschen aufeinander treffen. So wie die Drei aus unserer Restauranszene. Der Algorithmus hätte unserem deutschen Gast den Kakao schon gebracht, bevor er selbst gewusst hätte, dass er ihn will. Jetzt muss er Pepsi trinken. So ist das manchmal auf Reisen. Oder beim Steinesuchen im Wald, wie Herr D. so schön schreibt: Es macht “Lust auf die nächste Zukunft.”

Kommt uns diese Lust abhanden in einer vorausberechneten Welt? Oder entsteht vielmehr eine Sehnsucht nach Überraschendem?

Ich jedenfalls freue mich auf Deinen nächsten Brief, liebe Anne, und bin gespannt, womit Du mich diesmal überraschst!

Alles Liebe
Anne

Leserbrief No. 1

Von: <dxxxxxxxxxxxx@gmail.com>
Gesendet: Samstag, 21. September 2019 22:47
Betreff: Liebe Anne “Ein Brief”

Nachrichtentext:

Sehr geehrte Damen,

wie fängt man an, wenn man nicht stören will?

Durch Parallelspiel, wie es im Kindergarten heißt? In etwas Abstand das Gesehene und Gehörte kopieren und versuchen, sich zu parallelisieren? Als sei man dabei? Oder abwarten in einer ruhigen Ecke? Durch rhetorische und halboffene Fragen? Vielleicht zuerst lauschend. Auf die Stimmen, die von Kaffee und Tauben erzählen. Eigentlich ganz sacht. Dabei fand ich darin Furor, nachdem ich seine Spur an anderer Stelle aufnehmen konnte. Bei Merkel und Macron beispielsweise.

Ich stelle mir vor, wie das Briefeschreiben aussieht. Digital und damit den Körper formend. Kopf, Finger, Tasten. Nicht in gerader Linie, sondern auf einen Bildschirm hin optimiert. Das immerhin ist etwas, das mich ärgert: Die Digitalität verformt meinen Körper. Die Anschlusskabel müssen zu Steckdosen, die mich – auf Knöchelhöhe angebracht – zu einem Homunculus verbiegen. Die transportablen Beamer wohnen auf Rollwagen, die mich einen Rollatorengang imitieren lassen, in Form und Geschwindigkeit. Die Kabel begrenzen meinen Aktionsradius wie Hundeleinen. Und zuletzt die Basiselemente der kosmischen Weltordnung. Sagen wir: Die Herbstsonne. Der Bildschirm zwingt mich, eine Seite wählen zu müssen: Für offene Fenster und natürliches Licht oder das Anrennen dagegen. Aus Sicht des Bildschirms ist die Welt Quasimodo.

Dabei lesen sich die Briefe ganz leicht. Eher stehend oder spazierend geschrieben. Und zugewandt. Aber auch etwas zu intim, um stören zu wollen. Also lieber kein Räuspern. Und wer so schreibt, ist durch ein gewinnendes Lächeln aus dem Off erst recht nicht zu beeindrucken. Zuhören und Weiterlesen? Ein vertrautes Flüstern. Gesprenkelt mit diesen leicht glucksend-kichernden Lauten, die nur einander schon gekannt Habende anstimmen können. Liest sich, also könnte die Fertigkeit des Briefeschreibens erhebend wirken. Und erfrischend. Es wird ein bisschen weiter, der Raum. Lüftung von unerwarteter Seite. So wie ich jüngst in einem Steinbruch war und Spuren aus dem Trias suchte. Oder der Kreidezeit. Weiß nicht mehr. Mit der Zeit verschob sich da diese Freude vom Stein in den Händen auf den nächsten, der noch irgendwo am Boden lag. Kennen bestimmt viele von klein an: dass so ein Suchspiel nagende Lust auf die nächste Zukunft gebiert. Dass irgendwann (nach Minuten) selbst das Hochheben des nächsten Steins fast schon eine bedrückende Störung ist. Erledigt und überwunden werden will. Weil es Zeit kostest, bevor der nächste Brocken gefunden und untersucht werden kann. Es reißt einen voraus, denn es wird Aufregendes kommen.

Wenn es gelingt, ist das Schreiben einer Nachricht also eher die eigene Vorbereitung und das Erwarten einer Antwort. Das immerhin bleibt losgelöst von der ungesunden Sitzhaltung und den etwas plump auf der Tischkante ablegten Armen: Dass jeder Satz auch eine Erwartung beginnen lässt, die auf den Moment der Antwort zielt. Ein bisschen Ent-Bindung. Wie der Stein, den man in einen Brunnen wirft. Während er fällt, ist das Lauschen schon wichtiger geworden. Was gleicht kommt, hat die Oberhand gewonnen.

Mit Tassen geht das sicher auch.

Es grüßt voller Hochachtung

D.

 

Brief No. 22 – Miteinander reden

Liebe Anne,

die bewegenden Bilder vom Treffen Merkels und Macrons Ende 2018 in Compiègne scheinen ein halbes Jahr später fast schon vergessen. Ist die Szene noch glaubhaft, nachdem der deutsch-französische Schulterschluss sich jüngst in einem arhythmischen Tanz aufzulösen scheint? War es doch nur mediale Inszenierung? Mich hat die Innigkeit zwischen den beiden damals ähnlich berührt wie Dich. Und so besteht auch nach einer viel zu langen Briefpause eine unmittelbare Verbindung zwischen Deinem letzten und meinem jetzigen Brief.

Wir leben in einer global vernetzten Welt, können in lächerlich kurzer Zeit den Globus umrunden, sind virtuell permanent miteinander verbunden. Und doch scheinen mir die Grenzen zwischen Staaten und Kulturen, zwischen sozialen Schichten und politischen Positionen, Menschen hier und Menschen dort, immer massiver, solider, unverrückbarer zu werden.

Viel zu oft ist das, was wir „Gespräch“, „Diskussion“ oder „Debatte“ nennen, nichts weiter als ein verbaler Schlagabtausch, der die Beteiligten in ihren bestehenden Positionen bestärkt, statt echten Kontakt, Annäherung, Verhandlung oder gar Versöhnung zu ermöglichen.

In düsteren Momenten glaube ich, dass wir nicht einmal mehr den Unterschied sehen. Wir halten einander Referate und glauben, miteinander zu reden. Wir warten ab, bis unser Empfangsbehälter a.k.a. „Gesprächspartner“ zu Ende gesprochen hat, statt ernsthaft zuzuhören und das Gesagte zu verstehen, zu verarbeiten und weiterzudenken.

Was braucht es, um diesem Muster zu entkommen? Wie sehr taugt unser politisches System (noch) zum diskursiven Miteinander? Wie können wir Technologie nutzen, um echten gesellschaftlichen Fortschritt zu erzielen, statt bestehende Grenzen algorithmisch zu untermauern und Grauzonen abzuschaffen?

Braucht es erst eine Krise oder gar Kriege wie die zwischen Deutschland und Frankreich, um als Menschheit den nächsten Entwicklungsschritt zu tun? Wie lange wird es dauern, bis wir so innig verbunden sind wie Macron und Merkel für wenige Sekunden in Compiègne?

Nachdenklich grüßt Dich
Deine Anne

Brief No. 20 – Den Vogel abgeschossen…

… hast Du mit Deinem letzten Brief, liebe Anne!

Ich habe laut gelacht und dabei beinahe die bereits den ganzen Sommer durchzwitschernden Vögel im Busch der Nachbarin übertönt.

Auch ich habe ein Vögel Vogelproblem. Die Buschbewohner hielt ich bisher für Spatzen, aber nachdem ich von Dir erfahren habe, dass diese Spezies/Gattung/Art/Familie selten geworden ist, bin ich mir unsicher. Sind Spatzen dasselbe wie Haussperlinge? Der Busch im Erdgeschoss klingt jedenfalls ziemlich genau so.

Auf der Balkonbrüstung ist es die Amsel, die uns täglich besucht und fröhlich zwitschernd aufs Geländer scheißt. Das dulden wir duldsam, weil wir sie einfach so nett finden und uns einbilden, dass das auf Gegenseitigkeit beruht. Schließlich kommt sie tatsächlich jeden Tag. In Wirklichkeit schätzt sie wahrscheinlich einfach nur die Akustik und das Echo, das sich von unserem Balkon aus so wunderbar erzeugen lässt.

Tauben gibt es bei uns nicht.

Ich bin gespannt auf Deinen nächsten Brief, liebe Anne. Wird es wieder um Vögel gehen? Oder Freiheit? Oder Erfolg? Vielleicht auch Wirksamkeit?

Viele Grüße in die philosophische Küche,

Deine Anne

 

Brief No. 18 – Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen

Liebe Anne,

in der Tat, das haben sie gut gemacht, die Werber. Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen. Für alles andere…

Doch auch die “Dinge”, die man nicht kaufen kann, haben ihren Preis. Sogar die Freiheit selbst. Der Preis der materiellen oder äußeren Freiheit ist nicht selten die immaterielle oder innere Unfreiheit. Mit eigenem Reihenhäuschen samt Carport und Markise bin ich frei von monatlichen Mietzahlungen. Doch die innere Hürde, mehrere Monate im Camper die Welt zu entdecken, steigt.

Ist der Preis der inneren Freiheit dann die materielle Unfreiheit? Diese Sicht scheint mir in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Als ich mich selbständig gemacht habe, bin ich häufig dieser Sichtweise begegnet. Einen gut bezahlten Job zu kündigen, um eine Selbständigkeit mit ungewissen Erfolgsaussichten aufzubauen, ist in den Augen vieler unvernüftig.

Doch wer fängt die Taube, wenn wir alle Spatzen jagen? Die innere Freiheit von vermeintlichen materiellen Zwängen kann die Chance auf die Steigerung der materiellen Freiheit erhöhen. Der Preis dieser Chance ist das Risiko, alles zu verlieren.

Leichter ist es, solche Risiken aus einer Situation materieller Sicherheit heraus einzugehen. Und so ist es, wie Du schreibst: Freiheit und Sicherheit bedingen sich gegenseitig.

Liebe Anne, ich könnte noch Stunden über dieses Spannungsverhältnis philosophieren. Der Entwurf für diesen Brief liegt schon seit Monaten herum. Ich dachte, da fehlt noch was, da kommt noch was, das ist es noch nicht. Und wenn schon? Das Risiko gehe ich ein!

Alles Liebe,
Deine Anne

Brief No. 16 – Loslassen

Liebe Anne,

nachdem ich die letzten Wochen nicht dazu gekommen bin, Dir zu antworten, fällt es mir nun schwer, den Faden wieder aufzunehmen. Unsere ersten 15 Briefe waren wie ein Rausch. Deine Briefe lösten immer gleich etwas aus in mir, einen Gedanken, ein Gefühl, eine Idee. Gedanken, die raus wollten, die verbalisiert werden wollten. Schnellstmöglich habe ich Dir geantwortet und war ab da immer gespannt, wann und wie Du wiederum auf meinen Brief reagierst.

Dieser Flow ist nun unterbrochen. Ein bisschen aufgewärmt fühlt es sich an, wenn ich Deinen letzten Brief erneut lese und versuche, kluge Antworten auf Deine klugen Fragen zu finden. Ein bisschen so, wie wenn man versucht, die einzigartige Stimmung einer einmaligen Feier zu reproduzieren, indem man dieselben Leute zur selben Zeit im Jahr an denselben Ort einlädt. Doch die Stimmung von damals lässt sich nicht reproduzieren. Sie ist und bleibt einmalig.

Also habe ich beschlossen, gar nicht erst zu versuchen, den Flow aus unseren ersten Briefen wieder aufleben zu lassen. Weil er nur dann eine Chance hat, wieder oder neu zu entstehen. Erst wenn wir uns vom Idealbild lösen, hat das Abbild eine Chance, gut zu werden. Weil es dann kein Abbild mehr ist. Weil es dann etwas eigenes ist.

Wenn wir (Frauen) uns in (vermeintlichen) Gegensätzen beschreiben, wie Du es in Deinem letzten Brief beobachtet hast, dann scheint mir da viel Orientierung an Idealbildern zu herrschen. Wir wollen die ideale Mutter UND die ideale Karrierefrau sein. Wir wollen Luxus UND erhebende Entbehrung. Und halten das dann für individuell oder gar unkonventionell. Dabei ist es nur ein Potpourri konventioneller Idealbilder. Mächtiger Idealbilder, die uns gefangen halten in bestehenden Rollen und Klischees. Viele von uns beherrschen mehrere dieser Rollen und den permanenten Wechsel zwischen ihnen in Perfektion. Aber ist das wirklich ein Fortschritt?

Wenn ich ein Wort wählen müsste, wäre es wahrscheinlich Freiheit.

Wenn andere ein Wort für mich wählen müssen, sagen sie gelegentlich “unkonventionell”. Das gefällt mir. Und doch überrascht es mit mich jedes Mal, wenn es passiert. Dann frage ich mich, was an mir denn so unkonventionell ist.

Ich trage ziemlich gewöhnliche Kleidung, habe seit Jahren dieselbe unauffällige Frisur und lebe in einer äußerst konventionellen Wohnung mit geradezu erschreckend vielen rechten Winkeln. Ich schaue bis heute lineares Fernsehen – deshalb ärgere ich mich Sonntags immer noch, wenn Polizeiruf statt Tatort kommt, während andere sich längst vom Diktat der öffentlichen und privaten Fernsehanstalten befreit haben und stattdessen zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit das schauen, was sie gemäß Algorithmus von Netflix und Co. wirklich schauen wollen. Aber wenn ich in einem Seminar am Spiel “Wir lernen uns kennen, indem wir Hypothesen übereinander aufstellen” teilnehme – dann sagen die Leute, ich sei vermutlich “unkonventionell”.

Ich nehme das als Kompliment. Und verstehe es so, dass man mir zutraut, Bestehendes zu hinterfragen. Konventionelle Idealbilder loszulassen. Frei zu sein. Das macht mich glücklich. Auch wenn ich weiß, dass ich in den allermeisten meiner alltäglichen Enscheidungen äußerst konventionell handle.

Liebe Anne, dieser Brief ist jetzt überraschend persönlich geworden. Das passiert schonmal, wenn dann plötzlich der Flow da ist. Ich freue mich auf Deine Antwort.

Deine Anne

Brief No. 14 – Zweihundert nuancierte Geschichten

Liebe Anne,

vierzehn Briefe in dreiundzwanzig Tagen… Wow! Wo soll das noch hinführen? Hm, mal sehen, denke ich mir, und zucke vergnügt mit den Schultern… 🙂

Über Deinen letzten Brief habe ich mich sehr gefreut, denn er hat mich ebenfalls zum Nachdenken gebracht. Auf den ersten Blick scheint es ein Widerspruch, dass wir einerseits so oft in Gegensätzen und Entweder-Oder-Entscheidungen denken (in der Politik, im Privaten, im Beruf), andererseits aber als Konsumenten von Wahlmöglichkeiten überschüttet und nicht selten überfordert werden.

Müsli ist ein gutes Stichwort. Frühstück überhaupt. Auswahl am frühen Morgen? Nein, Danke! Ich bekomme regelmäßig schlechte Laune, wenn ich aushäusig übernachte und morgens vor unzähligen Teesorten stehe (Ingwer-Zitrone, Melone-Holunder, Rooibos-Vanille – wer trinkt heute noch Rooibos-Vanille?!?), aber weit und breit kein stinknormaler, nicht aromatisierter schwarzer Frühstückstee zu sehen ist. Und jetzt komm mir nicht mit Darjeeling! Darjeeling wird nur wegen seines aristokratisch-wohlklingenden Namens angeboten. Wahrscheinlich ist Rooibos deshalb auch noch im Sortiment. Wobei das weniger aristokratisch klingt. Darjeeling und Earl Grey sind super! Nachmittags zum Kuchen oder Scone. Am frühen Morgen hätte ich gerne eine möglichst unauffällige, aber im besten Fall starke Ceylon-Assam-Mischung. Ich glaube, das nennt sich “English Breakfast Tea”. So ein Zufall! Beim Wachwerden will ich weder Entscheidungen treffen noch meine Geschmacksknospen trainieren. Im Wesentlichen will ich einfach nur hier sitzen und eine Tasse Tee trinken. Schließlich gibt es im weiteren Tagesverlauf genug herausfordernde Fragestellungen zu beackern und Stolpersteine zu umschiffen, die weitreichendere Konsequenzen haben als die Wahl meines Frühstückstees.

So gesehen erscheint es wenig verwunderlich, dass wir in den wichtigen Dingen nur noch schwarz-weiß denken, wenn wir unser Hirn schon zu 90% mit alltäglichen Konsumentscheidungen auslasten. Aber auch wenn sie mich morgens beim Frühstück quälen, sind diese Konsumentscheidungen, wie Du schreibst, natürlich viel ungefährlicher als die großen Fragen der Politik und des Lebens. Vielleicht sind wir von personalisierten Angeboten auch so verwöhnt, dass wir den Anspruch auf 100% Individualismus auf das Politische übertragen. Haben wir verlernt, miteinander zu verhandeln? Verlernt, um gute Lösungen zu ringen, die für die gesamte Gesellschaft tragbar sind? Betreiben wir politisches Cherry- bzw. Cranberry-Picking, wenn wir Koalitionsverträge als faule Kompromisse abtun, weil unsere Alltagserfahrung uns suggeriert, dass eine Wahl nur dann gut ist, wenn sie zu 100% unseren individuellen Wünschen entspricht? Die Welt ist bunt, und deshalb braucht sie bunte Lösungen, die aus einem Dialog von nuancierten Geschichten entstehen.

Zweihundert nuancierte Geschichten gibt es in einem wunderbaren Buch zu lesen und zu sehen, das ich neulich von zwei Freundinnen geschenkt bekommen habe. An dieses Buch musste ich denken, liebe Anne, als ich Deinen letzten Brief gelesen habe.

Es erzählt in Wort und Bild die Geschichten von zweihundert Frauen aus aller Welt, die Großes und Kleines bewegt haben, manche prominent, andere nicht. Zweihundert ausdrucksstarke Portraitfotos werden von ebenso ausdrucksstarken Antworten auf fünf wiederkehrende Fragen über Ziele, Wünsche, Träume und die Welt begleitet. Meine Lieblingsfrage: Wählen Sie ein Wort, das Sie beschreibt. Allein die Antworten auf diese letzte Interviewfrage zeigen, wie vielfältig das Leben und Erleben von Frauen auf dieser Welt ist. Keine einzige antwortet mit “Frau” oder “weiblich”. Auch nicht mit “Mutter”. Das Buch ist damit für mich auch ein Gegenentwurf zu den eintönigen Tassenbildern, über die wir uns noch vor einigen Tagen gemeinsam empört haben.

Liebe Anne, kennst Du dieses Buch oder das gleichnamige Projekt? Wenn nicht, müssen wir bei einem unserer nächsten Treffen unbedingt gemeinsam reinschmökern. Und wenn doch, dann auch. Vielleicht bei einer schönen Tasse Earl Grey. Und einem Scone!

Ich freue mich auf Deinen nächsten Brief.

Deine Anne

P.S. Über Twitter erreichte mich noch eine Serienempfehlung bzw. -warnung: Black Mirror. Das ist eine Reihe dystopischer Kurzgeschichten. Sehr gut und teilweise sehr schwer verdaulich.