Brief No. 2 – Der Griff zur Tasse…

Liebe Anne,

was für eine Ouvertüre! Sie gefällt mir. Politisch und lyrisch, humorvoll und voller Leidenschaft… Das wird gut.

Ich kenne die Tassen, die Du beschreibst. Sie werden gehalten von Frauen, die gesehen werden wollen, die etwas zu sagen haben, die den Schritt auf die Bühne wagen. Die aber, um auf dieser Bühne stehen zu dürfen, schön, warm, weich und weiblich sein müssen. Die sich unsichtbar machen, um gesehen zu werden. Um gemocht zu werden. Warm, wohlig, weich wie eine schöne Tasse Kaffee am Sonntagmorgen.

Sie werden gehalten von Frauen wie meiner Freundin, die sich neulich fragte, was ein Mann in ihrer Situation machen würde, als ihr die in Aussicht gestellte Führungsrolle plötzlich grundlos wieder entzogen und stattdessen einem Mann übertragen wurde.

Oder meiner anderen Freundin, die sich fragt, wie sie ihre beruflichen und mütterlichen Ambitionen unter einen Hut bringt, ohne auch nur auf die Idee zu kommen, das mit ihrem Mann zu besprechen. Weil sie es als ihre Aufgabe ansieht.

Oder meine ehemalige Arbeitskollegin, die ab dem ersten Ansatz von Babybauch plötzlich nicht mehr zu Meetings eingeladen wurde, weil sie ja “eh bald weg” ist.

Der Griff zur Tasse als gemeinsame weibliche Resignation? Zur Flasche wäre schließlich zu männlich.

Die Tasse steht aber vielleicht noch für etwas anderes. Wenn sie nicht gehalten wird, steht sie neben einem Laptop. In einem Café. Auf dem Beistelltisch. Dort, wo gut ausgebildete Frauen ihr Geld mit ihrem eigenen Business verdienen. Selbständig. Ohne das enge Korsett eines Nine-to-five oder Seven-to-ten-Jobs mit Präsenzkultur und gläsernen Decken. Im Home-Office oder am Café-Arbeitsplatz. Mit einer guten Tasse Cappuccino – vom Barista frisch aufgebrüht und mit Liebe verziert.

Sie greifen zur Tasse, weil sie es können.

Santé!

Deine Anne

P.S. Clooney hält seine Tasse anders. Selbstbewusst, männlich, mit frontalem Blick in die Kamera. Er setzt die Tasse in Szene. Nicht die Tasse ihn.

3 thoughts on “Brief No. 2 – Der Griff zur Tasse…

  1. Zweimal „Hallo Anne“,
    hab Eure zwei ersten Briefe gelesen. Finde ich gut formuliert und inspirierend! Ich bin gespannt was als nächstes kommt!

    Liebe Grüße (aus dem Café Uckelmann)
    Florian

    1. Hallo Florian,

      Danke für die Grüße und das schöne Feedback! Hätte nicht gedacht dass wir so schnell schon begeisterte Leser haben. Aber so kann’s gehen, wenn man sich an den Hot spots des Landes rumtreibt 😀

      Viele Grüße aus dem Rhein-Main-Gebiet,
      Anne

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