Brief No. 21 – Über Merkel und Macron in Compiègne.

Liebe Anne,

sie stehen Schulter an Schulter, einander zugewandt, und halten sich an den Händen.

Sie sieht ihn an.

Er neigt seinen Kopf zu ihr.

Sie legt ihre Stirn an seine Schläfe.

Ihre Augen sind geschlossen.

Sie lächelt.

Dann lösen sie sich voneinander, es passiert recht schnell.

Sie treten einen kleinen Schritt zur Seite.

Er versucht, die entstandene Lücke zwischen ihnen zu überbrücken und hält noch kurz ihren Arm.

Dann lässt er los.

Ich habe gerade das Nudelwasser aufgesetzt, als ich diese Szene sehe. Es ist kurz nach acht Uhr am Abend. Schnell greife ich zum Laptop. Das Internet funktioniert nicht. Ich versuche es wieder: keine Verbindung. Ich werde mich gedulden müssen. Die nächsten Nachrichten gibt es in knapp zwei Stunden.

Mein Warten wird belohnt. Das ZDF zeigt die gleichen Bilder. Und das Internet funktioniert wieder. In der Mediathek lasse ich die Szene noch einmal Revue passieren.

„Was machst Du da?“, fragt mein Mann, der gerade nach Hause kommt.

Ich zeige ihm das Video.

Merkel und Macron in Compiègne.

Merkel und Macron, vertraut.

Ich bin seltsam berührt.

Wir gehen schlafen.

Am nächsten Morgen schaue ich den Clip vor dem Frühstück noch einmal an.

„Du kommst ja gar nicht drüber hinweg!“, scherzt der Gatte mit einem Blick über meine Schulter und holt die Brötchen aus dem Ofen. „Was fasziniert dich daran so?“

Meine Antwort kommt spontan: „Die Ehrlichkeit. Das ist nicht inszeniert.“

„Zeig noch mal.“

Macron, wie er sich ihr zuneigt.

Merkels Blick, fast zärtlich.

Das ist herzerfrischend neu.

Auf der Weltbühne inszenieren Politiker heute regelmäßig Drohkulissen und spielen mit der Angst ihrer Wähler. Sie verfolgen Andersdenkende, setzen sich „first“ und säen Dissens. Bei Staatsbesuchen schüttelt man sich steif die Hand, bekundet den gemeinsamen Gestaltungswillen und will dann doch nicht von seinen Positionen lassen. Nationalismus und Partikularismus erfreuen sich immer größeren Zulaufs. Die Rhetorik wird zunehmend aggressiver. Und die Medien? Ach, die Medien. Allesamt „fake“.

Merkel und Macron zeigen das genaue Gegenteil dieses Spaltungsstrebens: Zusammenhalt und Mitgefühl. Sie fühlen mit allen, die vor 100 Jahren Furchtbares erlitten, als Freunde, die vor 100 Jahren bittere Feinde waren.

Und zwar nicht, weil das Protokoll es erfordert.

Nicht, weil man das zu einem Gedenktag eben so macht oder weil 70 Länderchefs und die Welt zusehen.

Ihre Verbundenheit ist echt.

Nur zwei Sekunden später trennen sie sich. Sind sie selbst überrascht von ihrer Offenheit? Merkel distanziert sich nicht nur von Macron, sondern auch von sich als Privatperson, die sie für einen kurzen Moment hat durchscheinen lassen, und ist wieder ganz Kanzlerin: professionell, kontrolliert. Das gleiche gilt für Macron. Indem er versucht, die körperliche Verbindung durch das Halten ihres Arms noch etwas aufrechtzuerhalten, verlängert er den gemeinsamen Moment ein wenig und lässt gleichzeitig den Übergang von Privatperson zu Staatsmann fließender erscheinen. Dann lässt er los. Was folgt, ist Verhalten gemäß Staatsprotokoll.

Nach dem Frühstück reise ich in das Jahr 1984, als Frédéric de la Mure seine berühmte Aufnahme von Kanzler Kohl und Präsident Mitterand während des Gedenktags anlässlich der Landung der Alliierten in der Normandie im 2. Weltkrieg machte. Die beiden Staatsmänner stehen in Verdun Seite an Seite, zwischen ihnen zwei Fuß Distanz. Die Blicke sind geradeaus gerichtet. Kohls rechte und Mitterands linke Hand sind miteinander verbunden. Ihr Handschlag und das folgende Halten der Hände werden gemeinhin als eine spontane Geste interpretiert, die von beiden initiiert wurde.

Im Video, das diesen historischen Moment festhält, erkennt man, dass Kohl versucht, Augenkontakt herzustellen, aber Mitterand wendet seinen Blick nicht vom Sarg und den Kränzen ab. Der Griff ihrer Hände ist fest und spiegelt Entschlossenheit: “Wir werden das hinbekommen”, scheint er zu sagen. Die Verbindung ist formell. Abgesehen von der Anerkennung der Ernsthaftigkeit der Situation verraten die Augen der beiden Staatmänner nicht viel. Der Gedenktag ist Staatsangelegenheit und die Grenze zum Persönlichen wird nicht aufgebrochen.

Die Feierlichkeiten zum Kriegsende am letzten Wochenende haben gezeigt, wie weit Frankreich und Deutschland seitdem gekommen sind. Nicht alles ist gut in der Welt, aber die Hoffnung ist nicht verloren. Die europäische Idee hat Europa die längste Friedensperiode seiner Geschichte beschert.

Wir müssen uns dafür einsetzen, dass das so bleibt.

Alle Liebe

Deine Anne

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