Brief No. 17 – Die Freiheit nehm’ ich mir.

Liebe Anne,

das haben die Werber wirklich sehr gut gemacht. Man hört den Slogan, siehe oben, und sieht die Visakarte sofort keck unter dem Badeanzug hervorblitzen.

Du schreibst in Deinem letzten Brief von der Freiheit als Deinem höchsten Gut, und ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass Du ähnlich elegant dem Wasser entsteigen würdest wie diese Dame.

Gleichzeitig ist mir sehr bewusst, dass der Clip nur einen äußerst kleinen Teil von dem berührt, was uns Freiheit  bedeutet. Ich schreibe bewusst ‘uns’, weil wir beide den Wert, den wir der Freiheit beimessen, teilen. Sie ist mir genauso wichtig wie Dir.

Materiell frei zu sein, wie die Werbung es suggeriert – ich glaube, darunter verstehen wir das gleiche. Materielle Freiheit meint unserem Verständnis nach nicht den MacLaren vor der Rotunde eine Schlösschens mit Elbblick, auch wenn das natürlich sehr nett ist. Unsere Wünsche sind bodenständig.

Was immaterielle Freiheit angeht, sind wir kompromissloser. Wie dankbar können wir den Frauen der Generationen vor uns sein, dass wir uns aus antiquierten Rollenbildern haben lösen können und in unserer Gesellschaft frei sind, zu bestimmen, wie wir leben möchten. Das heißt nicht, dass alle Menschen die gleichen Chancen haben, leider, weder Männer noch Frauen. Aber unser Radius hat sich durch die Freiheit zur Selbstbestimmung insgesamt erheblich erweitert.

Fühlen wir uns damit existentialistisch zur Freiheit verurteilt oder folgen wir ihrem verlockenden Ruf nur allzu gern? Können wir diese Frage überhaupt pauschal beantworten? Hängt es nicht immer von der jeweiligen Situation und Entscheidung ab, ob wir ihr mit leichtem Herzen entgegentreten oder sie als Pflicht empfinden?

Wie frei wollen wir sein? Selbstgesetzte Grenzen geben ja auch Sicherheit. Theroretisch könnte ich mein Hab und Gut verkaufen und mit einem Camper bis nach Indien fahren, oder ich könnte eine Hypothek aufnehmen und mir ein Reihenhäuschen mit Carport, Markise und einem Buchsbaum im Vorgarten zulegen. Dann entgeht mir vielleicht der Sonnenaufgang am Taj Mahal, aber ich fahre mich auch nicht nachts in irgendeinem Grenzgebiet in der Wüste fest. Camper oder Reihenhaus – beides habe ich für dieses Jahr nicht auf dem Plan. Aber: Ich hätte die Freiheit, mich dafür zu entscheiden.

Ich weiß, dass Du Dich in nächster Zeit in einem Bereich Deines Lebens binden wirst, während Du in einem anderen Bereich den Entschluss, frei zu bleiben, noch einmal bekräftigst. Als wir gestern gemeinsam in der Sonne saßen, sprachen wir über beides, ganz unmittelbar. Wir können die Freiheit lieben und die Bindung suchen. Wir können uns Grenzen stecken und trotzdem Freigeister bleiben. Das geht sehr gut zusammen. Vielleicht bedingt es sich auch gegenseitig. Wir brauchen Wurzeln, um losfliegen zu können, und wir brauchen die Vogelperspektive, um unseren Platz zu finden.

Ich hoffe, Ihr seid wieder gut zu Hause angekommen.

Der Tag gestern war wunderbar.

Alles Liebe

Deine Anne

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